Märchen oder Alternative?

Lieber Königin als Prinzesschen, Foto: Karen Zimmermann

Märchen oder Alternative?

Konsens statt Gewalt in matriarchalen Gesellschaften – trailer-THEMA 10/16 FRAUENRECHT

Wir leben in einer Gesellschaft, in der Männer noch immer bevorzugt behandelt werden. Überbleibsel von alten patriarchalen Strukturen finden sich auch noch heute: Die Begriffe Macht und Herrschaft sind eher männlich geprägt, Ungleichheiten zwischen Männern und Frauen gibt es überall. In vielen traditionell patriarchalen Gesellschaften werden alte Muster noch heute gelebt. Die Söhne erben von den Vätern, die Männer haben das Sagen. Frauen sind weniger gut gestellt, versorgen Haus und Familie und müssen oft durch eine Heirat ihre Zukunft festigen. Doch auf einigen Flecken dieser Welt gibt es noch Matriarchate oder auch matrilineare Kulturen. Wodurch zeichnen sich diese Gesellschaften aus?

Haben die Gender Studies ausgedient? Sind matriarchale Gesellschaften wirklich gerechter? Stimmt die westliche Maxime „Je nackter, desto freier?“ Feministische Debatten von Gina-Lisa Lohfink bis Alice Schwarzer.

In Westsumatra, Indonesien, lebt das Volk der Minangkabau. Wie alle Matriarchate handelt es sich um eine Gesellschaft, die auf mütterlichen Werten aufbaut. So ist die Mutter die zentrale Person. Sie berät, hütet den Besitz und die Güter und gibt diese Verantwortung später an ihre Töchter weiter. Doch ist es keineswegs so, dass sich jeder um seinen Privatbesitz sorgt. Denn hier wird eine Subsistenzwirtschaft gepflegt. Es geht um gerechte Verteilung für alle und einen Ausgleich für die, die weniger haben. Man lebt in Clans zusammen, alle Personen, die der Mutterlinie entstammen, leben unter einem Dach. Nach einer Hochzeit zieht der Bräutigam zur Familie der Brautmutter. Es steht ihm aber frei auch wieder zu gehen wenn er es wünscht. Dennoch bleibt er mit dem Clan der Braut verbunden. Würden und politische Titel werden an die Männer verliehen, sie vertreten den Clan nach außen hin. Politische Beschlüsse werden anders gefasst als es in unserer Gesellschaft üblich ist. Man setzt hier auf eine Konsenspolitik, es wird so lange diskutiert bis eine Lösung gefunden ist, mit der alle Beteiligten zufrieden sind. Die Gemeinschaft, ihr Wohlergehen und ihre Balance stehen in der matriarchalen Gesellschaft immer im Vordergrund. So ist es auch mit den Geschlechtern. Beide haben unterschiedliche Aufgabenbereiche, in denen sie weitestgehend autonom sind. Doch kein Aufgabenbereich oder Geschlecht unterliegt einer Wertung. Erst die Zusammenführung aller Arbeitsbereiche, die Zusammenführung zwischen Weiblichkeit und Männlichkeit kann zu Ausgewogenheit führen. Die Minangkabau leben nach dem Adat, dem Gewohnheitsrecht, und verteidigen dieses auch nach außen. Indonesien ist das Land mit der größten muslimischen Bevölkerung, auch die Minangkabau praktizieren den Islam. Das mag verwundern, gilt der Islam doch als patriarchal. Doch auch hier haben die Minangkabau einen Ausgleich gefunden. Sie praktizieren den Islam nur so weit, wie er das Adat nicht einschränkt. So folgt man beispielsweise bei einer Hochzeit zunächst dem islamischen Brauch, rückt dann aber dem Adat gemäß die Frau wieder in den Fokus.

Auch die Mosuo in Südchina leben in einer matriarchalen Gesellschaft in Sippen und Clans zusammen, in denen die Mutter die zentrale Person ist. Anders als bei den Minangkabau gibt es keine Ehe. Diese wird von den Mosuo als unnatürlich angesehen. Während alle Haushaltsmitglieder unter einem Dach schlafen, wird Frauen im gebärfähigen Alter ein eigener Schlafraum zur Verfügung gestellt. Sie darf entscheiden welcher Mann sie nachts besuchen darf. Es ist das Prinzip der Liebe, das hier praktiziert wird. Ist die Liebe erloschen, kann die Beziehung ohne weiteres beendet werden, man sucht sich neue Partner. Die Kinder der Mosuo leben im Clan der Mutter und werden durch den Onkel erzogen. So gibt es also auch einen männlichen Erzieher, das Konzept „Vater“ wie wir es kennen, gibt es aber nicht.

Matriarchate sind also keineswegs die Umkehr von patriarchalen Gesellschaften. Vielmehr folgen sie vollkommen anderen Strukturen. Frauen in matriarchalen Gesellschaften haben in dem Sinne keine Machtposition wie wir sie verstehen. Denn es geht nicht um Macht, Herrschaft oder Dominanz. Hier geht es um den Ausgleich: Weibliche und männliche Bereiche werden als gleich wichtig und notwendig erachtet und unterstehen keiner Wertung. Und beide zusammen sorgen für ein Gleichgewicht, für einen Ausgleich. Zwar wird die Position der Frau gestärkt, das heißt aber nicht, dass Männer deshalb schwach sind. Vorrangiges Ziel ist es, die Gesellschaft in Balance zu halten. Zentral ist dabei die mütterliche Fürsorge, nicht nur in Bezug auf die eigene Familie, sondern auf die gesamte Gemeinschaft. Die negative Meinung, Matriarchate seien eine Herrschaft der Frauen, in der die Männer unterdrückt werden, ist also nicht haltbar. Vergleicht man diese matriarchalen Gesellschaftsformen mit der unseren, wird eines schnell klar: In Bezug auf Balance, Ausgeglichenheit, Gerechtigkeit und die Suche nach einem Konsens könnten wir von matriarchalen Gesellschaften lernen.

Autor

NINA RYSCHAWY

Dieser Artikel erschien auf www.trailer-ruhr.de, lesen Sie weitere Artikel auf www.trailer-ruhr.de/thema

0