Madame la Mort

„Die Geschichte von den Pandabären“, Foto: Raika Jalaly

Madame la Mort

„Die Geschichte von den Pandabären“ im Theater Tiefrot

Es sind nur Hinweise: die Erinnerung an den Krieg, die Desertion, die Intensivstation, das Krankenbulletin, die Anrufe auf dem AB, die ins Leere gehenden Aufträge für den Saxophonisten. Filmbilder und Töne, die als Ouvertüre das Klischee vom orientierungslosen Morgen nach einem One-Night-Stand überschreiben. Der ältere Mann (Michael Morgenstern) und die ein wenig jüngere Frau (Julia Karl) schälen sich mühsam aus den roten Laken auf der unschuldig weißen Bühne heraus. Sein Blackout ist ihr leiser Triumph. Er stochert in seiner Erinnerung an den vergangenen Abend, Saxophonklänge und Baudelaire-Zitate kommen an die Oberfläche – und sein Wunsch, sie näher kennenzulernen. Sie einigen sich auf neun Tage und Nächte.

„Die Geschichte von den Pandabären“ des rumänischen Autors und Dramatikers Matei Vişniec gibt sich den Anschein einer Liebesgeschichte und ist doch weit mehr.

Vişniec lebt in Frankreich und seine „Pandabären“ knüpfen einerseits an den Surrealismus an, lassen sich andererseits auf Marguerite Duras‘ „Die Krankheit Tod“ beziehen. Hier wie dort treffen sich ein Mann und eine Frau, leben für ein paar Tage zusammen, haben Sex. Er stochert ratlos in der Identität der Frau herum, bis sie ihn seiner „Krankheit Tod“ überlässt. In der Regie von Ali Jalaly wird die Begegnung zu einer Expedition zwischen körperlicher Nähe, Erinnerung an die Kindheit und die Natur sowie die Erfahrung des Krieges und des Todes.

Das Paar sitzt auf den weißen Kästen und buchstabiert das Treffen zur gemeinsamen Geschichte aus, sie fordert ihn auf, ihre Fragen nur in mit dem unterschiedlich betonten Buchstaben „A“ auszudrücken, ein Pionierlied mit dem Lob auf das G3-Sturmgewehr der Bundeswehr wird eingespielt, der Mann baut die Bühne zu einem Stelenfeld um. Immer wieder durchschießt eine Frage den Dialog: „Gehen wir auf die andere Seite?“ Die andere Seite ist offensichtlich die Seite des Todes. Es bleibt unentschieden, ob die Frau selbst eine „Madame la Mort“ ist oder doch eine reale Figur. Am Ende liegt der Mann jedenfalls auf einem Katafalk und sie zieht ein weißes Leinentuch über ihn.

„Die Geschichte von den Pandabären“ | R: Ali Jalaly | 29., 30.6., 20.-22.9. 20.30 Uhr | Theater Tiefrot | 0221 460 09 11

Autor

HANS-CHRISTOPH ZIMMERMANN

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