Ludwigslust an der Liebe

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Ludwigslust an der Liebe

Die Kerzen im Subway

In den sozialen Medien fegt der eine Shitstorm den anderen hinweg. Die Gesellschaft vergräbt sich in immer neue Fronstellungen. Und obendrein ist grade alles auch noch so furchtbar nass und kalt und dunkel. Um nicht völlig der Depression anheimzufallen, kommt in dieser verzagten Jahreszeit eine Band wie Die Kerzen gerade recht. Das Quartett um Sänger und Gitarrist Felix Keiler kommt aus dem 12000-Einwohner-Kaff Ludwigslust in Mecklenburg-Vorpommern, ist also schon größeren Unwägbarkeiten Herr geworden, als ein bisschen Hass und ein paar Minusgrade. Doch auch in Berlin, wo die Band mittlerweile wohnt, wiegt der Winter schwer.

Auf ihrem Album „True Love“ ist davon allerdings nichts zu spüren. Warme Synthesizer (Jelena von Eisenhart Rothe) fahren da mit groovigen Bässen (Fabian Rose) und feingefedertem Schlagzeug (Lucas Wojatschke) mit viel Gespür für Timing und Maß gen Pop-Sonnenuntergang. Die Kerzen – eine musikgewordene Vitamin D Kur gegen Hass und Winterblues. Auf Songs wie „True Love“ und „Saigon“ besingt Felix Keiler beschwingt die Freude am Aufbruch aus der Provinz in die Großstadt und den Zauber eines Flirts im Berghain, der in Südostasien seine Erfüllung findet. Aus jedem Takt trieft dabei der Einfluss der New Romantics, also Bands wie Duran Duran und Spandau Ballett. Auf dem Siedepunkt der maskulinen Rebellionsgesten und der brachialen Tonalität des Punk wiedersetzten sie sich mit neuer Zärtlichkeit und großem Pathos. Kitsch statt Krieg, Melodie und Witz statt Härte und Verstocktheit.

Dass diese unbedarfte Lebensfröhlichkeit auch heute noch durch die kalte Jahreszeit hilft, das wollen Die Kerzen im Januar auch in Köln unter Beweis stellen. Mit ihrer ironisch gebrochenen Retro-Liebe befinden sie sich sowieso auf der richtigen Seite der Popwelt, wo sich in den letzten Jahren Bands wie International Music, Klaus Johann Grobe oder Tame Impala einen Namen machten. Der Blick zurück liegt schwer im Trend. Und so heißt der große Hit der Platte nicht umsonst „Al Pacino“. Dieser lässt in „The Irishman“ gerade ein letztes Mal längst vergangene Epochen aufleben. Für nicht wenige ist es der Film des Jahres.

Die Kerzen – Tour d’Amour | Do 23.1. 19.30 Uhr | Club Subway

Autor

FLORIAN HOLLER

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