Lauter schlimme Sachen

Ariane Müller (l.) und Julia Gámez Martin verkörpern das Suchtpotenzial, Foto: Konzertbüro Fischer

Lauter schlimme Sachen

Das Suchtpotenzial haut mit „Eskalatiooon!“

So kann’s (daneben) gehen: Kaum hat der Bayerische Rundfunk ihren Song „Gutmensch“ gesendet, brandet der (Online-)Applaus von der falschen Seite auf. Die Typen von der AfD, also die mit Schäferhund und Deutschland-Flagge, begeisterten sich für ihn. Nicht nur die Sozialarbeiter. Die blieben in der Minderheit. Das ging den beiden Damen von Suchtpotenzial gewaltig auf den Senkel und sie coverten sich kurzerhand selber. „Wutmensch“ heißt das neue Lied, mit dem die walkürenhaft blonde Ariane Müller aus Ulm und die brünette Julia Gámez Martin aus Berlin (die mit dem spanischen Migrationshintergrund) zeigen, wie es sich anhört, wenn ihnen etwas auf den Sack geht. Nicht auf die Eierstöcke, obwohl sie insgesamt vier davon besitzen.

Gründe, sich zu echauffieren gibt es genug. Etwa die vielen Ungerechtigkeiten auf der Welt: Am Beispiel von #metoo hauen sie am 23. Februar in der Comedia auf den Putz, dass es nur so von den Wänden rieselt. Oder von der Decke. Für das Duo braucht es nämlich Mut und Hirn. Wenn beides vorhanden ist, hat man seine helle Freude an ihnen, der Tastengöttin Ariane und dem Stimmwunder Julia, die seit geraumer Weile die deutschsprachige Kleinkunstwelt verunsichern. „F*cken für den Frieden“ ist nicht jedermanns Sache. Sie mögen auch keine Männer, die auf Ziegen starren und Nulldiät schon gar nicht. Dabei schrecken sie wahrlich nicht davor zurück, „schlimme Sachen“ zur Sprache zu bringen. Etwa die ungerecht verteilte Körbchengröße. Was die eine zu wenig hat, hat die andere zu viel. Beklagen sie jedenfalls lauthals. Nicht nur im Vorläufer-Programm „100 % Alko-Pop“, ihrer ersten gemeinsamen Arbeit.

Bereits damals haben die beiden gemeinsam am romantisch eingefärbten Musical-Himmel erprobten Künstlerinnen bewiesen, dass sie über alles verfügen, was gutes Musik-Kabarett ausmacht: Unerschrockenheit, authentisch wirkende Power und jede Menge Einfallsreichtum, gepaart mit Fingerspitzengefühl für aktuelle Themen. Mit „Penisneid“ ist ihnen ein Hit gelungen, der die #metoo-Debatte aufs schönste ergänzt – längst bevor sie begonnen hatte.

Ein anderes Beispiel für ihren hinterhältigen Witz ist der Song „Ich will ’nen Bauer“ oder das Potpourri aus Musical und Theater, Jazz-Session und Heimatfilm. Auch die Kombination aus Berliner und Schwabe, der „Schwabiner“ war eine originelle Kreation, die ihrem Sucht erzeugenden Namen alle Ehre machte. Dass sich Müller/Gámez Martin  leichter Hand bei allen möglichen Musikstilen bedienen, ohne sie einfach zu kopieren, verleiht ihnen den Stempel „herausragend“.

In „Eskalatiooon!“ setzen sie noch einen drauf. Versprochen ist versprochen. Sie beantworten so drängende Fragen wie die nach den Ursprüngen von „Selfie, Smoothie & Spotify“, eine Kombination, die angeblich auf „Sex, Drugs & Rock ’n’ Roll“ zurückgeht. Eine steile Hypothese, die jeder, der Beine, Mut und Hirn besitzt, nachprüfen kann – und sollte. Rät zumindest dringend die Ihnen stets ergebene

Suchtpotenzial: „Eskalatioon!“ | Fr 23.2. 20 Uhr | Comedia | 0221 888 77 222 | VVK@comedia-koeln.de

Autorin

ANNE NÜME

Dieser Artikel erschien auf www.choices.de, lesen Sie weitere Artikel auf www.choices.de/komikzentrum

0