Laut und leise

Tobi Katze: „Morgen ist leider auch noch ein Tag“, Foto: Ulrich Schröder

Laut und leise

Literatur in Dortmund, Oberhausen und Gelsenkirchen – Lesezeichen 01/16

Die Ruhr-Metropole als Literaturgebiet: Besprechungen spannender Literatur-Events, aktuelle Lesetipps und Portraits in der Region literarisch aktiver Gruppen finden unsere LeserInnen unter neuer Perspektive. Diesmal werfen wir ein Schlaglicht auf die regionale Poetry-Slam-Kultur und das Netzwerk WortLautRuhr, geben einen Einblick ins Werk des in Duisburg lebenden deutsch-türkischen Schriftstellers Mevlüt Asar und präsentieren den Dortmunder Kult-Autoren Tobi Katze.

Sein Körper fühlt sich an wie Blei und die Seele leer, als sei sie „die ganze Nacht gerannt“, wenn das Alter ego des Dortmunder Autors Tobi Katze morgens oft erschöpft auf dem Bett liegt – unfähig, das Leben in die eigene Hand zu nehmen: „Das Haus könnte brennen, ich hätte trotzdem Probleme damit, meinen Fluchtreflex anzuwerfen.“ In „Morgen ist leider auch noch ein Tag“ lässt der Literatur-Performer den Ich-Erzähler mal ernst, mal humoristisch von seiner Depression berichten und am 11.12. im vollen Buchladen des Straßenmagazins bodo das Zwerchfell von rund 90 Fans erzittern. Die Ursachen seien „so vielschichtig wie die für Krebs“, unterstreicht der Autor: „Lebenswandel, Stress, Veranlagung, schlichtweg Pech“; von seiner Depression hatte sich der Protagonist jedenfalls irgendwie mehr erwartet…

Ist Poetry-Slam Literatur? Jein – zumindest ist es „kein Genre im klassischen Sinn“: Es sei ein literarischer Mix mit „dem performativen Element, dass der Autor mit seinem Text live auf der Bühne steht“, sagt Sebastian Rabsahl, der sich als Sebastian 23 einen Namen in der Slam-Szene gemacht hat und immer noch eine Mütze trägt. Zusammen mit Chris Wawrzyniak initiierte er das Projekt WortLautRuhr, eine 2012 in Herne gestartete Agentur, die sich auf Slam- und Lesebühnenveranstaltungen spezialisiert hat. Zwar sei WortLautRuhr keine klassische Künstlergruppe, aber doch ein regionaler literarischer „Dreh- und Angelpunkt“: Den größten Reiz beim Poetry Slam mache neben der Live-Performance die „direkte Verbindung zwischen Künstler und Publikum“ aus: Statt Expertenjury werden die Zuschauer durch Publikumsentscheid in das Geschehen einbezogen.

WortLautRuhr präsentiert regelmäßig regionale Slam-Events – etwa den am 8.12. von NRW-Slam-Meister Jason Bartsch (Bochum) vor 121 Gästen moderierten Oberhausen-Slam im Kulturzentrum Druckluft. Per Applaus zum Sieger gekürt wird der Krefelder Johannes Floehr vor der einzigen teilnehmenden Frau, Felicitas Friedrich, aktiv bei der Bochumer Gruppe „Treibgut – Literatur von der Ruhr“.

Oft prägen aber weiterhin die leisen Töne die Literaturszene – so am 9.12. in der Gelsenkirchener Flora bei einer Werkschau des 1953 südlich von Ankara geborenen Autoren, Lehrers und Übersetzers Mevlüt Asar. Sein zentrales Thema ist Interkulturalität: Seit über 35 Jahren versucht Asar, der 1977 nach Deutschland kam, vor allem im Ruhrgebiet literarisch Brücken zwischen den Kulturen zu bauen. Unter dem Titel „Lyrik und Hoffnung“ wird bald ein neuer Gedichtband erscheinen. Insbesondere mit seinen Gedichten berührt er die Herzen der Zuhörer – nicht zuletzt mit einem Max-Frisch-Zitat: „Wir haben Arbeitskräfte gerufen, und es sind Menschen gekommen.“ Treffender könnte man es kaum sagen.

Literaturszene im Ruhrgebiet: WortLautRuhr | www.wortlautruhr.de

Autor

ULRICH SCHRÖDER

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