Lange Nächte

„Der Besuch der alten Dame“, Foto: Franziska Götzen

Lange Nächte

Weiße Nächte im Mülheimer Raffelbergpark

„Macht niemandem die Tür auf, solange ich weg bin!“ – Ja, in den Weißen Nächten im Theater an der Ruhr haben auch die Kinder ihren Spaß, wenn der Wolf zum wiederholten Male den untauglichen Versuch unternimmt gleich sieben Geißlein zu vernaschen. Wie in jedem Jahr macht sich Maria Neumann auf, ein berühmtes Märchen für die Kleinen an frischer Luft zu performen. Abends verwandelt sich der Mülheimer Raffelbergpark dann in ein Lichtermeer und wird zum unrunden Amphitheater. Roberto Ciulli transportiert seine Bühne unter die Bäume und zeigt (bei freiem Eintritt) eine Auswahl an Stücken, die die gesellschaftlichen Themen unserer Zeit spiegelt. Auch das Schlosstheater Moers ist dabei mit einem Gastspiel. Intendant Ulrich Greb inszenierte dort Ödön von Horváths 12-Stunden-Laborexperiment „Zur schönen Aussicht“ als imaginäre Versuchsanordnung mit alternativem Ende.

Die schrille Tragikomödie „Der Besuch der alten Dame“ von Friedrich Dürrenmatt inszenierte Albrecht Hirche in Mülheim. Claire Zachanassian, die Grand Dame der weiblichen Racheengel, wird auch unter freiem Himmel kein Pardon kennen, denn die Welt machte sie zu einer Hure, sie machte die Welt zu einem Bordell. Dürrenmatt zeigte bereits in den 1950ern mit seiner „Alten Dame“ wie die Gesellschaft im Inneren beschaffen ist. Das Theater an der Ruhr macht nichts anderes. Aber den Park flutet auch Musik. Neben dem niederländischen Soulsänger Jaymz Arthor Hendrix und den beiden Gitarristen Thomas Fellow und Stephan Bormann sollte man insbesondere Tom Liwa (Flowerpornoes) mit seiner Band Anderwelt nicht verpassen. Regeln scheint der Musiker seit jeher zu ignorieren. Und das in seiner Mischung aus übermütiger Schlampigkeit und poetischer Präzision – das gefiel im letzten Jahr selbst den Kritikern des Rolling Stone Magazins. Der letzte Abend gehört wieder dem Theater und dem demografischen Wandel, der das Alter zu einem Makel werden ließ und selbst kleine Schwächen und Beschränkungen physischer und geistiger Herkunft als Bedrohung outete. Roberto Ciulli wirft in „Clowns 2 1/2“ gemeinsam mit dem Ensemble einen befreienden, tragikomischen und hochmusikalischen Blick auf das Dunkel des Verfalls. Eine wunderbare wissende Clownerie.

Weiße Nächte | 4. – 7.7. | Theater an der Ruhr, Mülheim | www.theater-an-der-ruhr.de

Autor

PETER ORTMANN

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