Landschaften unter Tage

Ausstellungsansicht unter Tage, Foto: Eric Polenz

Landschaften unter Tage

Es gibt ein neues Museum in Bochum – und was für eins
– Kunstwandel 01/16

Das ist schon ein ganz besonderer Ort, dieser Park am Haus Weitmar. Seit den frühen 1970ern konnte man hier ein kleinen Einblick in internationale zeitgenössische Kunst ergattern, zu einer Zeit als im Bochumer Museum (ohne Umbau) fast nur die osteuropäische Avantgarde zu Hause war. Jetzt wurde neben der Situation Kunst, dem Kubus (2010) und der Galerie m ein neues Museum eröffnet – Ruhrgebiets-affin unter Tage. Das ist keine Hommage an die Region, sondern in erster Linie architektonischer Landschaftsschutz. Zwei Türmchen, natürlich mit Aufzug, führen in die Tiefe. Hier befinden sich 1.500 Quadratmeter White Cube für die Berswordt-Wallrabe-Sammlung und Wechselausstellungen. Ja, sieben Millionen Euro hat der Bau des Architektenbüros Vervoorts & Schindler gekostet, sicher werden dieselben Menschen, die bereits gegen den genialen Kubus von Richard Serra am Bahnhof wettern, auch hier wieder jammern. Sei es drum, es ist ein toller Ausstellungsraum geworden, der nicht das Feeling eines Kellers, sondern eines Tunnels vermittelt. Das Museum unter Tage (MuT) zeigt als erstes „Weltsichten – Landschaft in der Kunst seit dem 15. Jahrhundert“.

Also die Treppe hinab und stocken. Das erste was man sieht ist eine Leuchtschrift: „Nichts ist wie es war.“ Das könnte bereits ein Hinweis auf die Landschaftsmalerei bedeuten. Viele der Gegenden, die sie über Jahrhunderte abbildete, gibt es nicht mehr, viele hat es natürlich auch so in der idealistischen Form nie gegeben. Der erste Blick ist deshalb auch folgerichtig philosophischer Natur: „Der Hl. Hieronymus in der Wildnis“ von 1460 wird Jacopo Bellini zugeschrieben. Das Motiv ist von vielen Malern der Zeit als Sujet verwendet worden. Genau gegenüber kann man die Wiege der Landschaftsmalerei in China sehen. „Besucher im Tempel an einem schneereichen Tag“, lavierte Tusche um 1600, beide Bilder zeigen graue Felsen. Ein Motiv, das die nächsten Räume dominieren wird. Und es ist auch der Mensch, der in den frühen Landschaften nicht wegzudenken ist, winzig, in einer Ecke, in gezähmter oder wilder Wildnis. Er kämpft mit den Gefahren, mit stürzenden Pferden und einstürzenden Brücken. Immer ist er aber auch auf Reisen, zwischen mächtigen Steinen und dunklen Tannen oder Gewässern wie bei Aert van der Neer (1603-1677) in seinem Fluss im Mondlicht. In den ersten Räumen dominieren die Mittelformate, der erste Brecher ist „Das Salzburger Land“ (220×280 cm, 1858) von Heinrich Heinlein. Dann folgt auch das blaue „Nach dem Gewitter“ (1908) vom Marinemaler Richard Eschke (1859-1944): Bemerkenswert hier die gruselige goldene Rahmung. Wer jetzt der Nummerierung folgt, endet in einer Sackgasse bei der Thematik „Schweigen, Stille, Einsamkeit“ und Bildern von Franz Radziwill und Joan Nelson.

Immer weiter geht es den Zeitstrahl hinauf. Neue Formate, neue Blicke, die Menschen sind meist verschwunden, die Moderne schafft sich eigene Räume. Picasso, Rohlfs, Bonnard bis hin zum Chinesen Qui Shihua und seinen rein weißen Landschaften, es folgen Reduktion und Abstraktion, Lichtenstein und Installationen. Die zeitgenössische Fotografie steht umfangreich und informativ am Ende und noch einmal Neon: „Nichts wird sein, wie es ist.“ Dem ist nichts hinzuzufügen.

„Weltsichten – Landschaft in der Kunst seit dem 15. Jahrhundert“ | bis Herbst 2016
MuT, im Parkgelände von Haus Weitmar, Bochum | 0234 298 89 01

Autor

PETER ORTMANN

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