„Kultur bedeutet immer, sich Dinge anzueignen“

Ursula Renz, Foto: privat

„Kultur bedeutet immer, sich Dinge anzueignen“

Philosophin Ursula Renz über kulturelle Aneignung

engels: Frau Renz, was ist kulturelle Aneignung?

Ursula Renz: Mit kultureller Aneignung ist das Verwenden von Elementen fremder Kulturen zum Beispiel in der Mode oder auch im Showbusiness gemeint. Ein ganz weit verbreitetes und quasi schon historisches Beispiel ist das Verkleiden von Kindern als Indianer im Fasching.

Ist es nicht Teil von Kultur, andere Einflüsse zu verarbeiten?

Ich habe mich viel mit der Frage, was Kultur ist, beschäftigt und meiner Meinung nach sind Aneignungsprozessekonstitutiv für Kultur. In der Tradierung von Kultur werden gewissermaßen Elemente der Kultur früherer Generationen angeeignet, sonst bleibt Kultur gar nicht erhalten, und auch die Aneignung von Elementen aus anderen Kulturen findet überall dort statt, wo es Kontakte zu anderen Kulturen gibt – und wo gibt es diese nicht? Kulturelle Aneignung ist also keinesfalls nur sekundär. Diese Aneignung hat es auch immer schon gegeben. Nehmen wir als ein Beispiel die Musik: Hier haben sich historisch betrachtet nicht nur Kompositionsstile vermischt, sondern auch Instrumente sind aus anderen Kulturen im- und in andere Kulturen exportiert worden und haben sich so über kulturelle Grenzen hinweg entwickelt. Dieser Transfer von Kultur ging meist in beide Richtungen. Jazz ist dazu ein gutes Beispiel: Da wurden teils klassische Instrumente in einem spezifischen kulturellen Kontext in neuer Weise eingesetzt und es hat sich ein Stil entwickelt, der dann wieder „re-importiert“ wurde. Inzwischen hat sich der Begriff der kulturellen Aneignung jedoch zu einem Kampfbegriff entwickelt, der negativ behaftet ist. Das hat natürlich durchaus seine Gründe: Es gibt Dinge, die kulturelle Aneignung problematisch werden lassen, so beispielsweise in Kontexten der Ausbeutung oder wenn die Quellen der übernommenen Elemente unklar sind oder auch falsche Klischees verbreitet. Aber an sich sind diese Dinge nicht im Prozess der kulturellen Aneignung selbst angelegt.

Zur Person: 
Ursula Renz
ist Professorin für Philosophiegeschichte an der Universität Graz. Sie leitet den Arbeitsbereich Geschichte der Philosophie und das Alexius Meinong-Institut. 2019 erschien ihr Buch „Was denn bitte ist kulturelle Identität? Eine Orientierung in Zeiten des Populismus“. Foto: privat

Der Begriff der kulturellen Aneignung hat sich zu einem Kampfbegriff entwickelt“

Wo verlaufen die Grenzen zwischen Austausch und Aneignung?

Da gibt es keine prinzipiellen Grenzen. Was man einklagen kann, sind Verletzungen von moralischen Normen, die mit Aneignungsprozessen einhergehen können. Wenn man sich fragt, welche Normen das tangiert, so komme ich für mich immer auf die schon genannten drei Punkte zurück: Verwendung falscher Klischees, Ausbeutung, Verschleierung der Herkunft. Erstes macht Aufklärung erforderlich. Dem zweiten Problem könnte man durch Entschädigungszahlungen begegnen. Und dem dritten Problem der fehlenden Transparenz könnte man entgegenwirken, indem man darauf dringt, dass Elemente, die man übernimmt, eindeutig und richtig zugeordnet werden. Wenn man diese Dinge berücksichtigt, können kulturelle Aneignungsprozesse einen sehr positiven Austausch bewirken.

Haben Sie beobachten können, dass politische Gruppen dieses Thema nutzen oder ausnutzen?

Nein, ich habe so gesehen nichts beobachten können. Bei den eher rechten Parteien, die Sie wahrscheinlich im Sinn haben, ist eher das Gegenteil der Fall, denn diese haben in der Regel ja eine tendenziell etwas puristischere Auffassung von Kultur und leugnen eher, dass kulturelle Aneignungen stattgefunden haben. Doch eine direkte Bezugnahme politischer Gruppen – egal welcher Ausrichtung – habe ich bisher nicht verfolgen können.

Es ist wichtig, Respekt zu zeigen für die anderen Kulturen, von denen man etwas übernimmt

Was ist ein guter Weg von Austausch und Aneignung?

Ich denke, es ist wichtig, dass man die Prozesse des Austausches und der Aneignung nutzt, um ein Bewusstsein dafür auszubilden, dass das immer stattfindet und das die Wurzeln unserer aber auch fremder Kulturen sehr reichhaltig sind. Es ist wichtig, Respekt für die anderen Kulturen, von denen man etwas übernimmt, zu zeigen und entsprechend auch zu vermitteln. Die Forderung, strikte Grenzen zu ziehen, würde der Kultur meines Erachtens nur schaden. Kultur bedeutet immer, sich Dinge anzueignen und das wiederum ergibt sich durch das Kennenlernen anderer Kulturen, was ja an sich sehr schön und wichtig ist.Wenn man also das Faschingsbeispiel vom Anfang nehmen will, so kann man darüber Kindern vermitteln, wie die Ureinwohner Amerikas gelebt haben oder auch immer noch leben, was ihre heutigen Probleme sind etc. Oder, um auf das Musikbeispiel zurückzukommen, so haben Musiker auch die Chance, in diesem Sinne als Vermittler aufzutreten und zu kommunizieren, aus welchen Kulturen Elemente der Musik, die sie spielen, kommen. Wenn man also den für Kultur so wichtigen Prozess der kulturellen Aneignung nutzt, um andere Kulturen kennen- und schätzen zu lernen, dann ist Aneignung nichts Negatives, sondern sie kann im Gegenteil zu etwas Positivem führen.


KOLONIALWAREN – Aktiv im Thema

zdf.de/kultur/13-fragen/kulturelle-aneignung-13f-100.html | In „13 Fragen“ prallen entgegengesetzte Standpunkte aufeinander, hier zur kulturellen Aneignung.
unesco.de/kultur-und-natur/kulturelle-vielfalt | Die deutsche Unesco-Komission informiert über ihre Arbeit zu kultureller Vielfalt und kulturellem Austausch.
Wolfgang-Welsch-Transkulturalität | Der Suchbegriff führt zu einem kompakten PDF, das sich philosophisch mit diversen Kulturbegriffen auseinandersetzt.

 

INTERVIEW:

VERENA DÜREN

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