Kultiges auf der Musicalbühne

„The Beautiful Game“ am Theater Koblenz, Foto: Matthias Baus

Kultiges auf der Musicalbühne

Andrew Lloyd Webbers „The Beautiful Game“ und Tim Burtons „Big Fish“

Kultstatus genießen beide: Andrew Lloyd Webber als Komponist und Tim Burton als Regisseur. Deshalb ist die Erwartung hoch, wenn Musicals auf die Bühne kommen, die mit ihrem Namen verbunden sind. Zumal wenn es sich, wie bei Lloyd Webber um ein Werk handelt, dass ganz anders daherkommt, als seine Event-Musicals (u.a. „Cats“, „Das Phantom der Oper“). Das im Jahre 2000 uraufgeführte und 2014 überarbeitete „The Beautiful Game“ ist eher ein intimes Kammer-Musical. Dabei geht es, vor dem Hintergrund des Bürgerkriegs in Nordirland, um die schönste Nebensache der Welt: den Fußball.

Eine Videoprojektion mit Belfaster Straßenszenen aus den 70er Jahren, stimmt uns in die Geschichte ein, ehe Regisseur Markus Dietz sein (meist) jugendliches Ensemble auf die Bühne schickt und das Spiel mit und ohne Ball beginnt. Da wird in der Umkleidekabine gerauft, draußen werden die Mädchen angemacht oder man streitet sich mit dem Trainer (überzeugend: Reinhard Riecke), der gleichzeitig ihr Gemeinde-Pfarrer ist. Im Mittelpunkt steht das Nachwuchstalent John (authentisch: Paul Mannebach), dessen geplante Fußballerkarriere nicht nur durch die Liebesbeziehung zu Mary (charismatisch: Lena Fuhrmann), sondern auch durch die politische Gemengelage ins Stocken gerät. Irgendwie erinnert die Geschichte in ihrer (Gruppen-)Dynamik und den verschiedenen Charakteren vom „Held“ bis hin zum Verräter an die „West Side Story“. Aber Lloyd Webbers von irischen Klängen durchzogene Balladen und seine Rock-lastigen Songs sprechen eine ganz andere, musikalische, Sprache, die von den (Laien-)Darstellern des Koblenzer Jugendtheaters mit erstaunlicher Professionalität über die Rampe gebracht wird. Ein Musical-Kleinod, das jede Reise lohnt, auch wenn Lloyd Webber ihm den schönsten Song („Love Never Dies“) entzogen hat, der nun im gleichnamigen Musical erklingt.

„Big Fish“ in Leverkusen, Foto: ©Bamboo Bandit

Auch bei „Big Fish“ war man gespannt, wie der „Junges Musical Leverkusen e.V.“ Tim Burtons opulentes Kino-Epos in der Musical-Adaption von Andrew Lippa („Addams Family“) umsetzen würde. Aus dem Orchestergraben klang schon mal ein satter Broadway-Klang. Die Augen wurden allerdings weniger verwöhnt, als im sparsamen Bühnenbild der Handlungsreisende Edward Bloom, ein moderner Münchhausen, seinem Sohn Will (Jan Peter Maurer) seine abstrusen Abenteuer erzählt. So müssen wir uns die fantastischen Bilder-Welten von Hexen, Riesen, Meerjungfrauen und einem großen Fisch selber im Kopf ausmalen. Denn dazu reichte das Budget der engagierten Laientruppe nicht, die ansonsten aber – wie schon im vorigen Jahr bei „Natürlich blond“ – vor Spiellaune nur so sprühte und von Regissseurin Nadine Söhnert mit straffer Hand geführt wurde. Besonders Florian Teichen überzeugte mit Bühnenpräsenz und wohlklingender Stimme als Edward Bloom, dem Anna Bobach (als seine Frau Sandra) in nichts nachstand. Man kann nur hoffen, dass sich endlich mal ein professionelles Theater hierzulande dieses wunderbaren Musicals annimmt.

„The Beautiful Game“ | Fr 19.5. 19.30 Uhr | Theater Koblenz | 0261 129 28 40

„Big Fish“ | Fr 31.3., Sa 1.4. 19.30 Uhr, So 2.4. 14 u. 18.30 Uhr | Junges Musical Leverkusen e.V. | tickets.jungesmusical.de

Autor

ROLF-RUEDIGER HAMACHER

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