Krawall und Mummenschanz

Immer anders, immer erkennbar: The Notwist, Foto: City Slang

Krawall und Mummenschanz

Festivalstimmung mit Metal-Oldies und Post-Punk-Perlen – Unterhaltungsmusik 11/15

Klassentreffen der Krawallbrüder: Die britischen Grindcore-Legenden Napalm Death und Carcass (die allerdings inzwischen recht melodisch klingen), die amerikanische Death Metal-Band Obituary und die französischen Prog-Metaller Voivod haben sich allesamt in den 80er Jahren gegründet. Letztere haben 1988 mit „Dimension Hatröss“ eines der besten Metalalben eingespielt, die ersten beiden waren damals an Extremismus kaum zu überbieten (2.11., 18.30 Uhr, Live Music Hall). Die Einen lieben den Dream Pop von Beach House, weil er so weich wogt und psychedelisch gleitet, die Anderen macht ihre wattige, wie Kaugummi gedehnte Musik dezent aggressiv. Exzessive Tanzeinlagen sind vom Publikum nicht zu erwarten, Bestuhlung wäre angebracht (4.11., 20 Uhr, Gloria). Auch nach fast 20 Jahren überzeugt Talib Kweli mit seinem souligen Hip-Hop. Bekannt geworden ist er in den späten 90er Jahren unter anderem durch „Black Star“, sein Projekt mit Mos Def. Jetzt kommt er mit seinem aktuellen Album „Gravitas“ nach Köln (4.11., 20 Uhr, Clubbahnhof Ehrenfeld).

Auf ihrem letzten Album kuschelten Tocotronic mit den großen Popklischees, um dann nur in kleinen Clubs zu touren. Wer im Frühling dumm vor der Tür stand, findet nun schwer in der großen Halle noch einen Platz (11.11., 20 Uhr, E-Werk). Auf dem neuen Built to Spill-Album „Untethered Moon“ klingt Doug Martschs sprödes Gitarrenspiel mehr denn je nach Neil Young. Zuletzt hat er sich beklagt, dass es hart sei, älter zu werden. Für eine Midlife Crisis klingt das aber alles sehr gut. Schauen wir mal, wie es auf der Bühne aussieht (20.30 Uhr, 13.11., Gebäude 9). Die schwedische Melodie-Metaler Ghost kommen mit ihrem Mummenschanz nach Köln. Papa Eremitus III und seine Nameless Ghouls waten tief im melodischen 70er Jahre Hard-und-Heavy-Rock und legen eine Prise Satanismus dazu. Das ist nicht nur hübsch anzuschauen, sondern macht auch musikalisch Spaß (16.11., 20 Uhr, Live Music Hall).

Das Weekend Fest geht in die fünfte Runde. Die elegante Stadthalle in Köln-Mülheim bleibt der Austragungsort für ein vielfältiges und handverlesenes Programm jenseits des üblichen Festivalzirkus. An zwei Tagen spielen hier so namhafte Acts wie die deutsche Indierock-Institution The Notwist, der 70‘s Styler Ariel Pink, die Post-Punk Heroen The Pop Group und Billy Childish sowie der Dub-Reggae-König Adrian Sherwood. Entdecken kann man den Funk von Mustafa Özkent aus Ankara, der bereits in den 60er Jahren seine Karriere startete. Angel Deradoorian war fünf Jahre lang die Bassistin der Dirty Projectors, nun hat sie ein wunderbares Soloalbum veröffentlicht. Ein Album des Hamburger Duos Die Vögel gibt es immer noch nicht, aber live sind ihre Clubhits „Blaue Moschee“ oder das großartige „Fratzengulasch“ mit Blechbläsern und Minnegesang besonders beeindruckend. Die gebürtige Schwedin Fatima lebt längst in London, um ihren gut abgehangenen R’n’B unter’s Volk zu mischen. Und Jack Name wurde schon öfters an der Seite von Ariel Pink gesehen. Inzwischen macht er selber mächtig verdrehte Ahnenforschung im Reich des Glam Rock (20. – 21.11. Stadthalle Mülheim). Etwas unglücklich, dass am ersten Weekend-Tag parallel zu The Pop Group auch Wire mit ihrem messerscharfem Sound in Köln spielen. Die Überschneidung des Publikums der beiden Post-Punk-Institutionen dürfte recht groß sein, die Entscheidung schwer fallen (20.11., 20 Uhr, Gebäude 9).

Autor

CHRISTIAN MEYER

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