Kluge Angst

Die Angst im Nacken, Foto: Philipp Stiller

Kluge Angst

Warum wir Angst brauchen, um zu überleben

Wer den Film „Blair Witch Project“ einmal gesehen hat, geht in der darauffolgenden Zeit anders durch einen Wald. Aufgrund seines niedrigen Budgets und dafür großen Erfolges erregte der Horrorstreifen 1999 großes Aufsehen. Dabei passiert in 78 Minuten eigentlich – nichts. Jedenfalls gibt es keine Monster, keine Zombies, keine abgehackten Gliedmaßen, die einem Schrecken einjagen. Der Film spielt mit dem, was wir uns in unserem Kopf ausmalen. Jeder Zuschauer vervollständigt die Story auf seine Weise. Die Geräusche aus dem Film tauchen in jedem stinknormalen Wald auch auf, selbst hier im hollywoodfernen Bergischen. Kaum hört man das Klopfen, das Rauschen, das Rascheln, ist das von einem selbst projizierte Antlitz der Hexe von Blair wieder im Kopf. Bei zarter besaiteten Zeitgenossen stellt sich allein beim Gedanken daran Gänsehaut und Schwitzen ein. Schlimmstenfalls meiden „Blair Witch Project“-Gucker nach dem Filmgenuss zu später Stunde Wälder.

Schuld daran ist vermutlich Amygdala. Das ist nicht etwa eine Göttin der Angst in einer für uns Westeuropäer fernen Zivilisation, sondern der Teil des Gehirns, den Forscher für die Furcht vor Gefahren zuständig halten. Die Amygdala ist nicht sehr groß. Daher rührt auch ihr Name, denn er ist vom Griechischen „Mandelkern“ abgeleitet. Kommt einem irgendetwas komisch vor, dann liegt das daran, dass die Amygdala blitzschnell analysiert, ob eine Gefahr vorliegt, oder nicht. Dieser Vorgang wird im Mandelkern gespeichert, das heißt: Passiert nochmal etwas, das uns einmal Angst gemacht hat, werden erneut wieder Botenstoffe ausgesendet. Das kann auch aus Erfahrungen heraus geschehen, die wir  – zum Glück – nicht vorher selbst erleben mussten, sondern von denen wir gehört, gesehen oder gelesen haben. Diese Erlebnisse werden ebenfalls abgespeichert. Nennen wir das für diesen Artikel einmal den Blair-Witch-Effekt.

Ohne Amygdala hätten wir Lebewesen aber auch echt ein Problem: Dann brächen uns Furcht und Aggressionen weg und wir hätten überhaupt keine Ahnung mehr, welche Situation für uns lebensgefährlich ist. Greifen wir den Wald und die Hexe wieder auf: Wir würden die Situation eines tatsächlichen Angriffs bei Nacht überhaupt nicht realisieren, wenn wir Geräusche um uns herum hören. Insofern hilft die Angst Lebewesen dabei, zu überleben.

Das kann aber auch umschlagen. Wenn Angst krankhaft wird, schätzen Menschen mit Angststörungen eigentlich ungefährliche Situationen genau umgekehrt ein. Der Körper gibt Kortisol und Adrenalin frei, sogenannte Stresshormone. Das kann zum Beispiel zu extrem unangenehmen Panikattacken führen. Der Kopf kann sich dann von selbst nur noch sehr schwer aus dieser Situation befreien, die zu einem antrainierten Mechanismus geworden ist. Glücklicherweise ist es in vielen Fällen möglich, unbegründete Angst wieder abzutrainieren – mithilfe von Therapien.

Florian Schmitz

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