„Kinderlose stellen das Heilsversprechen der Kleinfamilie in Frage“

Kinderwunsch: früher selbstverständlich, heute eine individuelle und nicht immer einfache Entscheidung, Foto: Mischa Lorenz

„Kinderlose stellen das Heilsversprechen der Kleinfamilie in Frage“

Autorin Sarah Diehl über biologische Mythen und Kinderlosigkeit als Systemkritik

choices: Frau Diehl, welche Sätze müssen sich kinderlose Frauen eigentlich am häufigsten anhören?
Sarah Diehl: Am häufigsten kommt „Du wirst es bereuen“, und das ist deshalb so perfide, weil es mit Zukunftsängsten spielt und die Frau als unmündig darstellt, zu wissen was sie will.

Warum erwartet unsere Gesellschaft eigentlich, dass kinderlose Frauen sich rechtfertigen?
Kinderlose stellen das Heilsversprechen der Kleinfamilie in Frage. Ich denke, deshalb werden sie so abgewertet. Obwohl die Kleinfamilie eine recht neue Erfindung ist, haben wir verinnerlicht, dass dies die wahre sinnstiftende Form des Zusammenlebens sei. Darum ist es schwer, andere Konzepte zu entwickeln. Dabei ist es doch so: Eine frustrierte Mutter, die nichts anderes macht außer Kindererziehung, ist weder gut fürs Kind noch für sich selbst. Und es werden Lebensentwürfe zur Norm erklärt, die für einen großen Teil der Bevölkerung nicht mehr funktionieren oder unattraktiv sind, worüber die hohe Scheidungsrate Bände spricht. Dass das, was wir „natürlich“ nennen, gut für Eltern und Kind sein soll, kann doch niemand behaupten.

Sie haben sich mit vielen Frauen ohne Kind unterhalten: Was waren die Gründe für die Entscheidung gegen Kinder?

Generell ging es um Freiräume. Studien bestätigen: Man muss ganz aktiv dagegen ankämpfen, mit Kindern nicht in die Ordnung von Kinderbetreuerin und männlichem Ernährer zurückzufallen. Diese Ordnung wird durch die Gesellschaft, die Steuerpolitik und eine Arbeitswelt gefördert, in der Männer meistens mehr verdienen und weniger Kinderbetreuung übernehmen können. Die Opposition Mutter und verhärmte Karrierefrau finden viele Frauen jedenfalls lächerlich.
Sarah Diehl (36) ist Publizistin, Autorin, Kulturwissenschaftlerin und Filmemacherin und arbeitet seit 2004 zum Thema „reproduktive Rechte“. Im Arche Verlag erschien 2014 ihr Buch „Die Uhr, die nicht tickt: Kinderlos glücklich. Eine Streitschrift“, Foto: Nane Diehl


Oft wird argumentiert, der „Mutterinstinkt“ der Frau stehe einem erfüllten Leben ohne Kinder entgegen…

Es gibt eine gesamtgesellschaftliche Erzählung, die sagt, dass man eine sinnstiftende Erfahrung im Leben verpasst, wenn man keine Kinder hat. Man macht Frauen glauben, dass sie später einsam und verbittert sein werden. Fürsorglichkeit ist eine generelle menschliche Qualität, das können Männer ebenso gut wie Frauen. Aber bei dem Hochhalten des Mutterinstinktes geht es um Ökonomie. Fürsorgearbeit, Pflegearbeit, Kinderbetreuung funktioniert durch die Erwartung an das Mutterideal unbezahlt, unsichtbar und selbstverständlich auf dem Rücken von Frauen. Frauen in den westlichen Industrienationen müssen ihren sozialen Status heute aber nicht mehr durch Heirat und Mutterschaft absichern. Sie können unabhängiger leben. Also werden nun andere Druckmittel benutzt, etwa aus der Psychologie oder der Biologie, um Frauen einzubläuen, dass sie depressiv werden, wenn sie keine Kinder bekommen, weil das in ihrer Natur liege. Das hat auch auf die Selbstwahrnehmung der Frauen Einfluss und so trauen sie manchmal ihrem abwesenden Kinderwunsch nicht über den Weg, gerade weil Kinderlosigkeit mit so vielen negativen Images versehen wurde.

Welche Rolle spielt der Staat beim Thema Familienplanung?
Der malt das Schreckgespenst des demografischen Wandels an die Wand und versucht Menschen an die aktuellen Konzepte der Familienpolitik, die noch die von vor 50 Jahren sind, anzupassen, statt die Familienpolitik an die veränderte Lebensrealität. Für die Politik ist es einfach, Kinder als Allheilmittel darzustellen. So müssen andere Lösungen nicht angegangen werden, etwa Erleichterungen bei der Zuwanderung, Integrationskonzepte oder Arbeitsmarktpolitik. Aber es wird uns nicht helfen, mehr Kinder zu haben, wenn die alle auf Hartz IV sind und im Niedriglohnsektor arbeiten. „Mehr Kinder“ alleine löst kein einziges Problem. Aber mit dieser Behauptung kann man unterschwellig die Frauenbewegung und das Selbstbestimmungsstreben von Frauen für den „Niedergang der Nation“ verantwortlich machen. Deutsche Familienpolitik ist sehr ideologisch.

Aber sind Kinderlose nicht egoistisch und verweigern Verantwortung für die Allgemeinheit?
Interessanterweise sagten mir viele Frauen, dass sie ohne Kind mehr Kapazitäten haben sich gesellschaftlich, sozial oder politisch zu engagieren. Sie wollen für viele Menschen da sein, nicht nur für ein Kind zu Hause. Freundschaft und soziale Elternschaft funktionieren vielleicht sogar besser, da sie frei gewählt sind. Und mit ihren Steuern finanzieren Kinderlose viel für Familien mit, von dem sie persönlich nicht profitieren.

Kinderlosigkeit als Systemkritik?
Kinderlosigkeit steht für das Hinterfragen von Geschlechterverhältnissen, Familienkonzepten und Lohnarbeit auf der einen Seite und dem Neu-Denken des solidarischen Zusammenlebens auf der anderen.

Autor

Interview: Bernhard Krebs

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