Kein Mensch heißt „Du da“!

„Wenn ich was hören will, muss ich aufs Dach“, Foto: Annette Jonak

Kein Mensch heißt „Du da“!

„Wenn ich was hören will, muss ich aufs Dach“ von Subbotnik – Theater am Rhein 07/16

Die Lausprecherbox möchte auf keinen Fall angefasst werden. Jede Berührung löst offenbar körperlichen Schmerz aus. Doch ein bisschen Nähe, das wäre nicht schlecht. Die sprechende Box auf dem weißen Tisch ist ein kapriziöses Ding und insistiert behutsam, bis eine Zuschauerin ihr endlich ein paar Streicheleinheiten gönnt. Wenn die Gruppe Subbotnik sich der Realität annimmt, dann nicht, um sie zu entlarven oder sie zu reenacten. Kornelius Heidebrecht, Martin Kloepfer und Oleg Zhukov sind eher an den Schlupflöchern, an den Verschiebungen interessiert. Angesichts all der mit Kopfhörern bewehrten Stadtbewohner hat sich das Trio für „Wenn ich was hören will, muss ich aufs Dach“ entschlossen, die akustische Banalität des Alltags zu verarbeiten. Vor allem musikalisch.

Ein Prediger kündigt das Ende der Zeiten an. Ein Mann/ eine Frau, spricht mit einer früheren Geliebten über die Gründe der Trennung und hat sich Heiratsanträge gesichert für die Zeit, wenn er/sie 30 wird. Kontrolleure in der U-Bahn versuchen vergeblich, einen Betrunkenen gegen seinen Willen („Kein Mensch heißt ‚Du da‘!“) zum Aussteigen zu bewegen – bis daraus ein A-capella-Chor zur kompletten Stilllegung der Bahn wird. Dazwischen, darüber und darunter wird virtuos Musik gemacht: Klavier, Xylophon, Tuba, Bassklarinette, Bass (Nico Brandenburg). Auf einem kleinen Podest vor einem goldenen Vorhang inszenieren Subbotnik ein empathisches Gleiten auf dem schmalen Grat zwischen Skurrilität und Ernst. Überall lauert die Melancholie: Eine Frau, die ihre Kreditkarte verloren hat, wird von ihrem Mann telefonisch gemaßregelt und flüchtet sich in eine imaginierte Schneelandschaft; während einer Kinovorstellung von „The Revenant“ in Thailand wendet sich Darsteller Leonardo DiCaprio plötzlich an die Zuschauer.

Subbotnik verschließen nicht die Ohren, sondern saugen die akustische Realität auf, arrangieren sie so um, dass sie ihre Magie preisgibt. Schließlich eint das Trio ein Hang zur performativen Nonchalance, die den Abend häufig eher zu einem Hörstück und Konzert macht als zu einem Schauspiel.

„Wenn ich was hören will, muss ich aufs Dach“ | R: Subbotnik | Studiobühne Köln | keine weiteren Termine

Hans-Christoph Zimmermann

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