„Jetzt geht es wieder los“

Ben Van Cauwenbergh, Foto: Bettina Stöß

„Jetzt geht es wieder los“

Ballettintendant Ben Van Cauwenbergh über die neue Spielzeit in Essen

trailer: Herr Van Cauwenbergh, seit knapp sechs Monaten begleitet uns die Coronapandemie. Konnte Ihre Compagnie in der Zeit der Isolation weitertanzen?

Ben Van Cauwenbergh: Am Anfang habe ich ein Onlinetraining gegeben. Was natürlich nicht optimal ist, weil die Tänzer niemanden vor sich haben, der das Training leitet. Das ist schon sehr schwierig, aber die Tänzer haben Disziplin, um selber zu trainieren. Dann gab es einige Lockerungen und wir haben angefangen, in Gruppen zu arbeiten. Wir konnten bereits Ende letzter Spielzeit mit „The Show Must Go On“ ein Programm zusammenstellen, weil wir das Glück haben, innerhalb der Compagnie Tänzer zu haben, die privat ein Paar sind. Darum konnte ich verschiedene Tanzstücke auswählen und eine Vorstellung vorbereiten. Leider ist die Aufführung am Ende geplatzt, weil es in der Compagnie einen Verdacht auf Corona gab und die Vorstellung abgesagt werden musste. Am Tag danach hat das Compagnie-Mitglied das Testergebnis bekommen: Das war zum Glück negativ. Aber ein Tänzer braucht natürlich das Publikum, ohne ist es sehr schwer, die Motivation aufrechtzuerhalten. Auch für mich. Ich liebe es, das Publikum zu verwöhnen, und ich liebe die Atmosphäre, wenn das Publikum glücklich ist mit uns. Das haben wir in den letzten 12 Jahren, in denen ich hier in Essen bin, geschafft. Jetzt geht es wieder los, und ich freue mich sehr, dass wir uns wieder sehen können.

Ein Tänzer braucht natürlich das Publikum“

Zur Person:
Ben Van Cauwenbergh

Der gebürtige Antwerpener Ben Van Cauwenbergh erhielt als Sohn der Tänzerin Anna Brabants frühzeitig Ballettunterricht und nach seiner Ausbildung am Staatlichen Institut für Ballett ein Engagement beim Königlichen Ballett von Flandern. Im Herbst 2008 wurde er Ballettdirektor am Aalto-Theater und mit der Spielzeit 2013/14 zum Ballettintendanten. Foto: Bettina Stöß

Ihr Publikum war auch das, was Ihnen in den letzten Monaten am meisten gefehlt hat?

Ja, absolut, weil wir dafür arbeiten. Ich habe früher, als ich selber getanzt habe, ein paar Mal vor einem Haus getanzt, das nicht voll war und das war schlimm. Wir brauchen die Zuschauerinnen und Zuschauer. Man kann das vergleichen mit früher, mit der Comedia dell’arte, die Gruppen haben vom Publikum auf der Straße gelebt.

War die Reihe an Videos, die die Theater und Philharmonie Essen (TUP) unter dem Titel „TUP trotz(t) Corona“ auf Youtube veröffentlicht hat, eine Methode, in Kontakt mit dem Publikum zu bleiben?

Ja, absolut. Es war der einzige Weg, den Kontakt mit dem Publikum nicht zu verlieren, und die Videos sind sehr gut angekommen. Aber es ist natürlich anders, wenn das Publikum klatscht und aufsteht, wow, voller Emotionen. Für einen Künstler ist das etwas wunderbares, was wir wirklich vermisst haben.

Wir haben eine Beziehung zum Publikum aufgebaut“

Sie haben gerade beschrieben, was das Publikum für Sie bedeutet. Was bedeutet denn das Ballett für das Publikum?

Ja, also ich hoffe, die Zuschauerinnen und Zuschauer vermissen uns. Ich bin jetzt 13 Spielzeiten hier – und wir haben eine Beziehung zum Publikum aufgebaut. Wir versuchen, das Publikum in verschiedenen Stilen oder Farben zu bedienen, und ich glaube, das ist uns gelungen. Deshalb ist es auch so schlimm, diesen Abstand zu haben. Aber ich glaube, das Publikum vermisst uns, und ich hoffe, es lässt uns nicht im Stich, weil dann ist das wirklich das Ende für uns, wenn es nicht mehr kommt.

Das Ballett lebt viel von Nähe, Berührung und Gruppenszenen. Was macht das mit dem Tanz, wenn man sich nicht mehr berühren kann?

Das ist ein Drama. Weil wir mit unserem Körper sprechen. Wenn man jemanden liebt und man kann ihn nicht anfassen, dann ist das sehr schwierig. Und viele Stücke gehen um Beziehungen und Liebe. Aber wir haben einige Paare, die privat zusammen sind, und so versuchen wir, das zu nutzen und entsprechende Abende zu „bauen“. Auch bei den neuen Programmen, die wir jetzt planen, suchen wir nach Stücken mit Gruppenszenen, aber mit Distanz.

Haben sich denn durch die Pandemie und die gebotene Distanz auch neue künstlerische oder tänzerische Ideen entwickelt?

Es ist vor allem die Einschränkung, die uns belastet, aber wir suchen natürlich nach Wegen, um neu zu denken. Das ist schon eine Herausforderung. Choreografisch gesehen bin ich im Moment noch nicht so weit, dass ich sagen könnte, dass ich jetzt ein Coronastück entwickeln könnte, also speziell für Corona. Das Wort will ich eigentlich nicht mehr hören.

Das erste Stück ist sehr hart“

Sehr bald beginnt die neue Spielzeit. Auf welche Produktionen kann sich das Publikum freuen?

Die erste Produktion der Spielzeit ist „The Show Must Go On“, also ein positiver Titel für uns. Dieser Abend beginnt mit einer ganz normalen Probe. Von dieser Probe ausgehend entwickelt sich der Abend langsam in eine Vorstellung mit verschiedenen Teilen, von klassisch bis zeitgenössisch. Die zweite Show ist „Eine kleine Tanzhommage“. Das ist der Abend über Queen, den fast alle schon kennen, der schon 12 Jahre läuft und von dem es schon über 100 Vorstellungen gab. Für die „Mini-Queen“ werden passende Nummern ausgewählt, etwas gekürzt und angepasst. Ein ganz neuer Abend wird „Keep Moving!“ sein. Der Titel ist ganz positiv gemeint: We just have to keep moving. Der Abend wird aus voraussichtlich fünf sehr verschiedenen Stücken bestehen. Eine Choreografie von Armen Hakobyan sowie eine von Denis Untila. Das sind zwei meiner Tänzer, die schon choreografiert haben. Dann eine belgische Choreografin, Iris Bouche, sie hat ein Stück mit der ganzen Compagnie gemacht, die sich nicht anfassen darf. Dann mache ich ein kleines Pas de deux, es heißt „Heimspiel“: Es geht um ein Ehepaar, das sich streitet. Beide haben den gleichen Fehler, einer muss immer Recht haben, so wie das in einer Beziehung manchmal ist. Und dann haben wir „Le Jeune Homme et la Mort“, das ist ein älteres Stück von Roland Petit. Es ist vielleicht ein dunkler Abend, aber er zeigt auch ein wenig den Druck, in dem wir heute leben. Das erste Stück zum Beispiel ist sehr hart, sehr powerful und zeigt so ein bisschen den Frust mancher Leute, die nicht so gut durch diese Zeit kommen und die sich bewegen müssen.

Es wird dieses Jahr auch wieder ein Weihnachtsstück geben, nämlich „Tütü mit Schuss“. Was wird das besondere an diesem Stück sein?

Das wird ein sehr unterhaltsamer Abend sein, es ist ja Weihnachtszeit. Eigentlich wollten wir den „Nussknacker“ tanzen, was üblich ist für diese Zeit, aber das funktioniert unter den aktuellen Bedingungen nicht. Also haben wir gedacht, wir planen einen Abend, der in Richtung Gala geht. Das Wort „Gala“ sollte aber nicht im Titel vorkommen, weil das jeder macht, Ballett-Gala, Ballett-Gala, Ballett-Gala… Wir wollen Spaß haben und wir wollen Stücke nehmen, die witzig sind und Hochleistungstanz zeigen, mit viel Bravour!

The Show Must Go On: 27.9., 4.10., 22.11. | Eine kleine Tanzhommage: 1., 10.10., 13., 14.11. | Keep Moving! 24., 30.10., 17., 19., 29., 30.12. | Aalto-Theater Essen | 0201 812 22 00

INTERVIEW:

ELENA UBRIG

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