„Irritation ist das beste Programm“

Foto: © Baumusik

„Irritation ist das beste Programm“

Das Kölner Label Baumusik

DJ Monibi und Produzent Antonio D. Luca sind Teil von Baumusik. Letzten Sommer feierte das Musiklabel sein dreijähriges Bestehen. Im Interview erzählen die beiden von den Anfängen in der Baustelle Kalk, ihrem diversen Sound und darüber, warum man heute noch Musiklabels braucht.

choices: Entstanden ist euer Label ja im Dunstkreis der Baustelle Kalk, die es heute nicht mehr gibt. Was für eine Bedeutung hatte dieser Ort für euch?

Antonio: Zum einen sind in der Baustelle viele von uns großgeworden. Dort konnten wir uns ohne viel Druck ausprobieren und Konzerte spielen. Es war wirklich ein einmaliger Ort für Köln, der Raum für Experimente schaffte. Zum anderen war da die Frage, wie es weitergeht, als klar war, dass sich die Baustelle nicht mehr lange halten konnte. So ist die Idee von Baumusik entstanden.

Warum konnte sich die Baustelle nicht mehr halten?

Irgendwann waren allerseits die Kapazitäten einfach nicht mehr da und das Gebäude wurde verkauft. Da ist jetzt eine Bäckerei drin, glaube ich. Es ist jetzt also nicht so, als hätte man das an McDonalds verkauft. (lacht)

Wozu braucht es in Zeiten des Internets überhaupt noch ein Musiklabel?

Monibi: Ein Label bietet eine gewisse Plattform. Bei einem großen Musiklabel weißt du: Ich werde automatisch von tausenden Leuten gehört. Davon kann man als Künstler schon profitieren. Allein dauert das einfach viel länger.

Antonio: Ich finde, man braucht kein Label. Was man aber braucht, gerade als Künstler, ist der Austausch mit anderen Menschen. Und generell ist es immer wohltuend und produktiv, wenn Menschen sich zusammenschließen. Ich kann das jedenfalls nur unterstützen und sagen: Kreiert eigene Label, eigene Kollektive und Vereine!

Die musikalische Ausrichtung von Baumusik zu beschreiben, ist nicht einfach. Das wird vor allem auf eurer Label-Compilation KEDI deutlich. Von Techno über Synthie-Pop bis Punk ist alles dabei. Wie würdet ihr euren Sound beschreiben?

Monibi: Mein Eindruck ist, dass die KünstlerInnen hier ihre Musik nicht dazu machen, um möglichst viel zu verkaufen. Dadurch entsteht hier ein sehr kompromissloser Sound. Außerdem ist bei jedem von uns eine gewisse Experimentierfreudigkeit zu spüren.

Antonio:Als wir uns gegründet haben, hätten wir uns entweder für eine Musikrichtung oder für ein Gefühl, dass uns alle eint, entscheiden können. Wir haben uns für das Gefühl entschieden. Und das Gefühl hat ganz viel mit der Baustelle zu tun. Es ist ein sehr dreckiges, krachiges Gefühl. (lacht)

Drei Jahre Baumusik: KEDI Compilation

Mittlerweile gibt es euch über drei Jahre. Was hat sich in dieser Zeit geändert?

Monibi: Also vor allem sind neue Leute dazu gekommen; ich zum Beispiel. (lacht)

Antonio: Was sich ganz stark geändert hat, ist das Denken hin zum Gemeinschaftlichen. Mittlerweile ist allen klar, dass das Label nicht nur eine Promo-Plattform ist, sondern ein gemeinsamer Hefekuchen, der organisch wächst. Das war aber ein langer Prozess. Weil Musik ja auch immer etwas mit Ellbogen zu tun hat. Man steht auf einer Bühne und will die Scheinwerfer. Es ist also erstmal nicht normal, jemand anderem zu helfen und etwas von dem Licht abzugeben. Aber wir haben gelernt, dass das viel größer sein kann, diese Mischung aus ernsten, dadaistischen und unterhaltenden Projekten. Irritation ist das beste Programm.Sodass man vielleicht in zehn Jahren sagt: Wenn ich die Geschichte der Kölner Musikszene in den späten zehner Jahren betrachten will, dann komme ich nicht an Baumusik vorbei.

Also nicht nur Musiklabel, sondern auch Verein?

Monibi: Genau. Wir haben hier schon eine ausgeprägte Vereinsstruktur aufgebaut. Alles läuft basisdemokratisch ab. Deswegen ist uns bei neuen Mitgliedern auch nicht nur die Musik wichtig, sondern auch, dass sie mitorganisieren und engagiert sind.

Antonio: Es gibt ja leider unter KünstlerInnen Leute, die nicht mal ihre Post aufmachen können (lacht). Das ist alles schön und gut aber wir brauchen Menschen mit Aktionspotenzial.

Welche Projekte stehen im neuen Jahr bei euch an?

Antonio: Ich habe das Gefühl, dass bei uns grad jeder Act an einem Next-Level-Release arbeitet. Angefangen mit Monibis EP passiert gerade ein qualitativer Sprung. Es ist auf jeden Fall eine spannende Phase.

Monibi: Jeandado arbeitet grade an einem eigenen Aufnahmestudio. Dann gibt es bei Baumusik endlich jemanden mit einem echten Tonstudio!

Interview:

Florian Holler

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