In Unglaube vereint

Glauben oder nicht glauben, das ist hier die Frage, Foto: Cornelia Wortmann

In Unglaube vereint

Atheisten und Konfessionslose entdecken ihr gesellschaftliches Potenzial
– Thema 12/15

Statistisch ist die Sache klar: Deutschland gehört zum christlichen Abendland. Mehr als 50 Millionen Bürger gehören einer Kirche, einer Glaubensgemeinschaft oder Sekte an. Der Religionswissenschaftliche Medien- und Informationsdienst (Remid) nennt 97 Organisationen oder Gruppen christlich. Deren Spektrum reicht von den beiden großen Kirchen, die in Deutschland erhebliche Privilegien genießen und denen jährlich rund 10 Milliarden Euro zufließen, über seit Jahrzehnten etablierte Großsekten bis hin zu neueren Apokalypse-Kulten oder fundamentalistischen Mini-Gemeinschaften.

Demgegenüber stehen nicht einmal 37.000 organisierte Atheisten, Konfessionslose, Humanisten oder Freidenker. Das sind hauchzart mehr Mitglieder als Freimaurer, Scientology oder der Deutschen Yoga Dachverband haben.

Nur, was sagt uns das? Von den Zahlen her ist es eindeutig, nur repräsentativ sind sie nicht. Realität ist: Die meisten Kirchenmitglieder sind kirchenfern; die meisten Agnostiker und Atheisten nicht organisiert. Sie sind „Nicht-Mitglieder“ und eben nicht Mitglieder. In der Sozialforschung heißt das „religiös indifferent“. Sie interessieren sich einfach nicht für Gott, Kirche und Glaube. Das macht sie aber nicht zu einer Gruppe mit gemeinsamen Zielen oder Überzeugungen. Gleiches gilt für die „kirchenfernen Kirchenmitglieder“ – ein Begriff, der so disparat ist, wie die Einstellungen und Haltungen derer, die unter ihn fallen. Es scheint nur schlicht und ergreifend leichter zu sein, Menschen unter dem Banner eines Glaubens zu sammeln, als unter dem des Unglaubens.

Engagierte Atheisten hingegen sehen sich durchaus als gesellschaftlich relevante Kraft – größer noch als jeweils die katholische oder evangelische Kirche. Hier steht die Statistik auf Seiten der Gottlosen: Laut der EU-Umfrage Eurobarometer glaubt jeder zweite Deutsche nicht mehr an einen Gott. Rund 27 Prozent lehnen ein göttliches oder spirituelles Wesen gar ab. Die Forschungsgruppe Weltanschauungen in Deutschland zählt sogar 34,1 Prozent Konfessionslose. Wäre Atheismus also eine Konfession, es wäre in der Tat die größte der Republik.

Nur angemessen repräsentiert ist diese relative Mehrheit in Sachen Weltanschauung nicht. Selbst beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk reden und leiten Kirchenvertreter munter mit. Es gibt kein Gremium bis zum Deutschen Ethikrat, in dem die Kirchen nicht erhebliches Gewicht hätten. Und so bestimmen die Kirchen mit ihren moralischen und religionsspezifischen Vorstellungen die Grundbedingungen gesellschaftlichen und politischen Lebens im Land entscheidend mit.

Um dem wirksam etwas entgegensetzen zu können, sind die Atheisten hierzulande nicht organisiert genug. Die Zahl derer, die mit ihrem Atheismus ein eigenes, humanistisches Wertesystem verbinden, ist gering. Doch die Gruppe wächst und wird selbstbewusster. Spätestens seit der Kampagne von 2009, als ein Bus mit der Aufschrift: „Es gib (mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit) keinen Gott“ durch deutsche Städte fuhr, um für ein atheistisches Selbstverständnis zu werben, fordern Atheisten die Moralführerschaft der Religionen heraus. Dass diese solche Aktionen durchaus als Bedrohung empfinden, verdeutlichte ein weiterer Bus mit der Aufschrift: „Und wenn es ihn doch gibt…“, der die Atheisten die gesamte Tour über verfolgte.

Dass Atheisten immer häufiger Gesicht zeigen, hängt sicherlich auch mit Autoren wie dem britischen Genetiker Richard Dawkins zusammen, der vor allem fundamentalchristliche Kreationisten mit Kritik und Polemik überschüttet. Dass er einen Nerv trifft, bewies ein weiterer Nazivergleich vom ehemaligen Kölner Kardinal Meisner, der die Ideen des Genetikers in eine Reihe mit denen der Nationalsozialisten stellte. Nun gut, für den Kardinal a.D. ist eine religionsferne Kultur per se „entartet“.

In Deutschland sind es vor allem der Internationale Bund der Konfessionslosen und Atheisten (IBKA) und die Giordano-Bruno-Stiftung (GBS), die das Moral-Monopol der Kirchen angreifen. GBS-Vorstandssprecher Michael Schmidt-Salomon steht exemplarisch für das neue Selbstbewusstsein. Mit rationalem Biss fordert er die Glaubensgemeinschaften immer wieder heraus. Er persönlich, sagte er einmal, könne gut mit Religionen leben, die mit den Naturgesetzen in Einklang stehen und die Anders- oder Nichtgläubige nicht diskriminieren. Nur der Glaube an ein übersinnliches Wesen ist bereits ein Bruch der Naturgesetze. Und dass selbst die Amtskirchen in Deutschland durchaus diskriminierend unterwegs sind beweist ihr Arbeitsrecht, mit dem sie Anders- oder Nichtgläubige gängeln können. In der Tat, ein unerträglicher Zustand.

Autor

BERNHARD KREBS

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