„In einer Stadt wie Köln wird einem jedes Grundstück aus den Händen gerissen“ – THEMA 04/15 Wohnart

Rheinblick für Yuppies, Foto: Jan Schliecker

„In einer Stadt wie Köln wird einem jedes Grundstück aus den Händen gerissen“ – THEMA 04/15 Wohnart

Architektin Almut Skriver, Gründungsmitglied der Bürgerinitiative Helios, über Stadtentwicklung

choices: Wie hat sich Ehrenfeld konkret verändert in den letzten Jahrzehnten?
Almut Skriver:
Früher war Ehrenfeld ein Arbeiterstadtteil mit Fabriken, die die Luft verpestet haben. Dann ging diese Industrie weg und mit ihr die Luftbelastung. Dadurch steigt natürlich die Qualität und der Stadtteil wird attraktiv für andere. Auch weil es billige Wohnungen und Ateliers gibt.

Und das führte zur „Yuppisierung“ Ehrenfelds?
Nein, ich glaube, das muss man differenziert betrachten. Ehrenfeld ist eng, hat wenig Grün, ist teilweise schmutzig, aber die Lage ist zentral. Das zieht nicht die Klientel an, die den Quadratmeter für 5000 Euro kauft. Die fühlen sich im Rheinauhafen, Gereonsviertel oder der Südstadt wohler. In Ehrenfeld gibt es zwar auch neue teure Eigentumswohnungen, aber die sind vor allem in Lücken gebaut worden. Die Baustruktur ist in Ehrenfeld in großen Teilen kleinbürgerlich. Das ist nichts für Entwickler, die Wohnungen bauen, die dann 4000 bis 5000 Euro den Quadratmeter kosten.

Almut Skriver (50) ist Architektin und Gründungsmitglied der Bürgerinitiative Helios, die in Ehrenfeld den Bau eines Einkaufszentrums verhinderte. Sie lebt und arbeitet seit 1997 in Ehrenfeld, Foto: Privat

Also ist Gentrifizierung für Ehrenfeld kein Thema?
Ansätze gibt es schon, aber Ehrenfeld ist nicht die Südstadt. Die Gesamtstruktur in Ehrenfeld lässt das einfach nicht zu. Aber natürlich kann man heute im Immobilienteil in der Zeitung schreiben, dass eine angebotene Wohnung in Ehrenfeld liegt. Auf die Idee wäre früher ja keiner gekommen, das wäre ja eher ein Nachteil gewesen. Heute ist es ein Vorteil. Und auf allen Grundstücken, die noch was hergeben, wird heute versucht, die tolle Eigentumswohnung hinzubauen. Aber trotzdem habe ich das Gefühl, dass hier nicht alles super-chic werden kann. So gut wie keine Parks, die laute Venloer Straße mit ihren einfachen Läden, das wird keine Dürener Straße werden.

Was ist in der Südstadt anders gelaufen?
Die Südstadt hatte mit ihrer einheitlicheren Baustruktur eine ganz andere Voraussetzung gehabt. Das hat meiner Meinung nach der Verdrängung der alteingesessenen Bevölkerung Vorschub geleistet. In der Neustadt Süd mit all ihren tollen Altbauten, die jetzt überwiegend Eigentumswohnungen sind. Man muss aber auch sagen, dass die Altbauten teilweise so herunter gekommen waren, dass die vielleicht gar nicht mehr stünden, wenn nicht einer hingegangen wäre und renoviert hätte.

Wie muss man sich das vorstellen?
Früher war die Südstadt auch ein Veedel, wie heute noch die Südstadt innerhalb des Rings. Da gibt es auch viele kleine Häuser und viele Menschen haben nicht so viel Geld. Außerhalb des Rings lief es anders, da sind irgendwann in den 70ern viele Lehrer in die schönen großen Altbauwohnungen gezogen, die früher auch alle ein bisschen heruntergekommen waren. Da hat es viele WGs gegeben, die sich aber irgendwann auflösten. Viele zogen weg, einige blieben und haben die Wohnungen womöglich gekauft. Man muss aber auch sehen, wenn das nicht passiert wäre, gäbe es heute wahrscheinlich die Altbauten nicht mehr. Das hat alles seine zwei Seiten.

Kommen wir zurück auf Ehrenfeld: Wie wichtig war es, dass das Einkaufszentrum auf dem Heliosgelände verhindert wurde?
Das war sehr wichtig. Kalk hat ja gezeigt wo das hinführt: Der eingesessene Einzelhandel stirbt weg. Als ich damals von den Plänen hörte, dachte ich nur: Das muss verhindert werden. Schon damals gab es Studien vom Ministerium, die zeigten, wie schädlich Einkaufszentren sein können. Aber es wurde auch schnell klar, da ist ein Investor, dem gehört das Gelände und der will Gewinn machen. Damit waren die Möglichkeiten begrenzt. Ein Park, wie von „Deine Freunde“ gefordert, das war eine schöne Idee, aber vollkommen unrealistisch. Die Idee mit der Inklusiven Universitäts-Schule war dann der Katalysator: Das Geld von der Stadt, die die Schule braucht, ist da, der Investor bekommt Geld fürs Grundstück und kann in einem Areal seine Wohnungen, kleinere Läden und Gastronomieflächen und eine Kultur- und Veranstaltungshalle bauen. Dazwischen ist 24 h an 7 Tagen öffentlicher Raum und das ist besser als das Einkaufszentrum.

Nach Ihren Erfahrungen, was wünschen Sie sich als Architektin und Bürgerin von Stadtentwicklung?
Mehr Bürgerbeteiligung bei Projekten…

also so, wie es beim Helios-Gelände gelaufen ist?
So wird es nie wieder laufen, das war für alle sehr aufwändig, was aber auch daran lag, dass es am Anfang nicht richtig gelaufen ist. Wichtig ist, früh zu kommunizieren, was man vorhat, aber auch früh zu hören, wo die Bürger Bedarf sehen. Das heißt, nicht mehr auf Hinterzimmergeschäfte zu setzen. Seit einigen Jahren lässt man die Investoren selbst planen, und schautdann, ob das geht, was die sich vorstellen. Für mehr fehlen auch die Kapazitäten. Daher wünsche ich mir mehr Personal für die Stadtplanung und das Bauaufsichtsamt. Ohne Leute kann man nicht gut planen und frühzeitig mit den Bürgern diskutieren. Schließlich wäre noch eine kleinteilige Planung wünschenswert, wie sie jetzt am Güterbahnhof in Ehrenfeld hoffentlich stattfindet. Also einzelne kleinere Grundstücke verkaufen, damit es Möglichkeiten für Vielfalt gibt.

Aber macht da der Investor mit?
Die Stadt als Planungsbehörde kann das durchsetzen, wenn sie ganz am Anfang dem Investor sagt: Wir wollen das so und so haben. Wenn der Investor Baurecht haben will, dann wird der sich darauf einlassen. Zumal in einer Stadt wie Köln, wo einem jedes Grundstück aus den Händen gerissen wird.

Interview:

BERNHARD KREBS

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