Im Labyrinth der Opferbilder

Heidi Furre, Foto: Julia Naglestad

Im Labyrinth der Opferbilder

Heidi Furre zeigt in „Macht“ die Folgen des Missbrauchs

Liv wurde vergewaltigt. Das ist 15 Jahre her. Inzwischen ist sie Mitte dreißig, hat zwei Kinder, arbeitet als Altenpflegerin und lebt mit Terje, dem Vater ihrer Kinder, in Oslo. Die bürgerliche Fassade glänzt perfekt, dahinter ist alles aufgrund eines Zwischenfalls aus ihrer Studentenzeit kontaminiert. Wenn Liv mit anderen Frauen zusammensitzt, kommt ihr die Statistik in den Sinn. Eine von zehn Frauen hat eine Vergewaltigungserfahrung, welche könnte es sein? Ob sie sich auf dem Heimweg befindet, Shoppen geht, oder mit den Kindern spielt, stets fühlt sie sich vom Rest der Welt isoliert. Nichts kann sie unbeschwert genießen, denn permanent sickert die Überzeugung, anders zu sein, in ihre Gedanken ein.

Liv ist die Erzählerin in Heidi Furres Roman „Macht“. Der Norwegerin gelingt es, im Gedankenstrom ihrer Protagonistin das Trauma stets gegenwärtig zu halten. Ein geschlossenes Universum, in dem Schönheit zur Rüstung gegen alle Selbstzweifel perfektioniert wird. Allerdings ist das Scheitern in der Perfektion immer schon angelegt und dem Altern ist halt nie beizukommen. Zudem bringt das plötzliche Erscheinen eines prominenten Schauspielers, der seine pflegebedürftige Mutter im Seniorenheim besucht, Livs innere Balance durcheinander. Ihm wird ein Missbrauch nachgesagt, der zwar nie bewiesen wurde, aber der Verdacht bleibt. Heidi Furre führt ihre Leserschaft Schritt um Schritt zum Geschehen in Livs Vergangenheit zurück. Gerade die beklemmende Hermetik, mit der sie Liv erzählen lässt, schafft Distanz zu deren verzweifelten Versuch, der Opferrolle zu entkommen.

Warum löst eine Hand, die sich unter ihren Rock stiehlt, einmal ihr Begehren aus und in einer anderen Situation das Gefühl, gedemütigt zu werden? Sexualität ist offenbar nur das Feld, auf dem sich die Gewalt ereignet. Den traumatisierenden Kern lokalisiert Liv hingegen im Missbrauch der Macht. Damit erhält die Vergewaltigung eine politische Dimension. Auch dank der makellosen Übersetzung von Karoline Hippe liest sich Furres Prosa psychologisch schlüssig wie aus einem Guss. Livs verzweifelter Versuch aus dem labyrinthischen Spiegelkabinett der Opferbilder hinauszugelangen, beschreibt sie als vitales Empowerment.

Heidi Furre: Macht | Aus dem Norwegischen von Karoline Hippe | Dumont | 174 Seiten | 22 €

Autor

THOMAS LINDEN

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