„Ich weiß nicht, wie oft wir schon totgesagt wurden“

Foto: Theater Tiefrot

„Ich weiß nicht, wie oft wir schon totgesagt wurden“

Volker Lippmann über „Der eingebildete Kranke“

Der Mann sei angeschlagen, und um sein Tiefrot-Theater stünde es nicht gut, so Stimmen aus der Kunstszene. Im Interview mit choices zeigt sich Schauspieler und Regisseuer Volker Lippmann jedoch lebensverliebt und voller Tatendrang.

choices: Herr Lippmann, wie geht es Ihnen?

Volker Lippmann: Fantastisch. Ich habe mittlerweile keine Hemmungen mehr. Dafür bin ich zu alt.

Keine Hemmungen? Zu alt? Das hat man auch in früheren Inszenierungen von Ihnen nicht vermutet, etwa in den intensiven Produktionen „Woyzeck“ oder „Der eingebildete Kranke“.

Das meine ich nicht. Man muss sich trauen, Dinge zu tun, die lange umgangen wurden.

Es ist kein Geheimnis, dass Sie gesundheitliche Probleme hatten. Spielen Sie darauf an?

Auch das. Klar, ich war lange alkoholabhängig, ich habe alle möglichen Drogen genommen. Aber ich habe niemanden erschossen oder betrogen. Meistens habe ich mich selbst belogen. Das ist vorbei. Es fühlt sich so an, als ob ich jetzt erst anfange zu leben und nicht zu schauspielern.

Zur Person: Volker Lippmann 
(geb. in Chemnitz) ist ein deutscher
 Schauspieler, 
Regisseur und
Leiter des Theater Tiefrot, in dem er auch selbst auftritt und Regie führt. Nach seiner Schauspielausbildung an der Folkwang-Schule in Essen wurde Lippmann 1993 als „Bester Schauspieler des Landes Nordrhein-Westfalen“ ausgezeichnet. Er wurde im Fernsehen durch Serien wie Sterne des Südens und Die Anrheiner bekannt; er spricht außerdem regelmäßig in Radiohörspielen. Foto: Julia Karl

Ihr Ensemble kehrt mit einer Wiederaufnahme von Molières „Der eingebildete Kranke“ auf die Bühne zurück. Haben Sie das Stück bewusst als Reaktion auf die Corona-Krise ausgesucht?

Natürlich. Ich bin Jude und das Judentum hat einen sehr eigenen Humor, den ich gottseidank ebenfalls besitze. Da darf man auch mal das Gerede von all jenen, die sich als Experten betrachten, etwas zurechtrücken. Wir inszenieren zudem den „Diener zweier Herren“ von Carlo Goldoni. Auch die mehrere Male verschobene Uraufführung von E.T.A. Hoffmans „Der Sandmann“ steht an. Es hat alles einen Bezug zu den Dingen, die heute passieren.

Was hätte Molière künstlerisch aus der Pandemie gemacht?

Vermutlich eine Tragikomödie. Er hätte mit Lust, Wonne, Takt und Genauigkeit etwas dazu kreiert.

Wo liegen die Unterschiede zur Version des „Kranken“, die bereits vor mehreren Jahren bei Ihnen aufgeführt wurde?

Vor allem in der Location. Wir spielen Open Air im über dem Theater gelegenen Restaurant. Da kann allerhand Unvorgesehenes passieren, beispielsweise unidentifizierbare Flugobjekte über den Köpfen oder Nachbarn, die vom Balkon „Ruhe!“ brüllen. Der Hof ist eingerahmt, so dass kein Geräusch verloren geht. Ich verstehe die Produktion als Straßentheater mit viel Musik.

Das Tiefrot feiert im kommenden Jahr den 20. Geburtstag. Was verbinden Sie mit diesem Ort?

Dieses Theater ist kein Wunschkind von mir, sondern aus der Not zu einem Proberaum entstanden. Als ich für den WDR „Die Anrheiner“ drehte, brauchten wir aus logistischen Gründen eine Räumlichkeit. Dann haben wir unabhängig davon mit Brechts „Baal“ ein Stück aufgeführt, das ein Riesenerfolg wurde. Ich war aber direkt pleite, weil ich Riesengagen zahlte. (lacht) Danach gab es immer wieder Krisen. Ich weiß nicht, wie oft wir schon totgesagt wurden.

Apropos Krise, wie sehr haben Sie unter der covid-bedingten Schließung des Hauses gelitten?

Ach, es geht doch nicht um mich. Ich habe meine kleine Rente. Aber ich leide mit den Darsteller*innen, die lange keine Engagements hatten. Was mich richtig wütend gemacht hat, waren die Solidaritätsbekundungen für die „armen Schauspieler“ aus dem Mund von Leuten, die fernab der Realität leben [Anspielung auf die Kampagne #allesdichtmachen – d. Red.]. Das war eine unsägliche Kacke. Dann spende doch mal ordentlich was, Herr Liefers!

Haben Sie in der Kunstszene in den letzten Monaten ein soziales Miteinander erlebt?

Es gab schon da schon gutgemeinte Versuche. Zumindest hat mir die Pandemie nicht meine sozialistische Gesinnung genommen. Ich persönlich werde immer mein Ideal von Gerechtigkeit in der Welt hochhalten.

Sie rauchen und trinken nicht mehr. Woran berauschen Sie sich dieser Tage?

Ich bin seit einigen Jahren sehr verliebt. Damit rechnet man mit fast 70 nicht. Außerdem spielt die Musik in meinem Theaterverständnis nach wie vor eine große Rolle. Das ist wie bei den Stones: ‚I know, it`s only Rock`n Roll but I like it‘, einfach unzerstörbar.

Der eingebildete Kranke | R: Volker Lippmann | 10.7., 15.7.-18.7., 31.7, 1.8., 6.8.-8.8. je 20 Uhr | Theater Tiefrot | 0221 460 09 11

Interview:

Thomas Dahl

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