Horror Toy

„Silk Road“, Foto: David Baltzer

Horror Toy

„Silk Road“ im Depot 2 – Theater am Rhein 06/16

Wahrheit oder Fiktion? In der stärksten Szene des Abends stellt sich diese Frage drängend. Die bis dahin hinreißende Judith Rosmair ist in einer Plastiktasche verpackt und erklärt, spot-on und ohne Larmoyanz, wie ihr die Arme und Beine amputiert wurden, ihr das Augenlicht fast gänzlich genommen und das Gehör ruiniert wurde, um sodann als Slave Toy zu dienen. Sinn der Zurichtung: Das Slave Toy, dessen Rohstoff Mädchen zwischen acht und zehn Jahren sein sollen, soll nur noch fühlen und seinem Besitzer als Zeitvertreib bei Sex-, Vergewaltigungs- und/oder Foltersessions dienen. Angeblich soll es sie für viel Geld im Darknet zu kaufen geben.

Eigentlich geht es Angela Richter in ihrer neusten Arbeit „Silk Road“ vor allem um die freiheitlichen und emanzipatorischen Möglichkeiten des Darknets. Selbst für CIA und GCHQ ist es extrem schwierig, Daten auf der dunklen Seite des Netzes zu sammeln und User auszuspionieren, was es für politische Aktivisten interessant macht. Umso erstaunlicher ist daher, dass der mit Abstand stärkste Moment des Abends diese absolute Horrorvision vorstellt.

Der Name „Silk Road“ leitet sich von einem der berüchtigtsten Darknet-Marktplätze ab. Mittlerweile ist er vom FBI ausgeschaltet, sein Gründer Ross Ulbricht wird bis zum Sankt-Nimmerleinstag in einem amerikanischen Gefängnis sitzen. Berüchtigt war Silk Road als digitale Verkaufsplattform für Drogen, Prostituierte und Waffen – sogar Profikiller sollen dort ihre Dienstleistung angeboten haben.

Die „Silk Road“ im Depot 2 ist ein kurzweiliger theatraler Infotainment Abend mit einer Spur Aufklärung über die dunkle Seite des Netzes. So surft Yuri Engelert in einer guten Stand-up-Nummer live durchs Darknet, um auf einer Drogen-Verticker-Seite bestes Opium vom Bayer-Konzern in Bio-Qualität zu bestellen. Eingerahmt werden die kurzen, meist netten Episödchen von strengen Chorpassagen mit Texten von Netzaktivisten wie Julian Assange: „Das Internet, unser großartiges Emanzipationsmittel, hat sich in den gefährlichsten Wegbereiter des Totalitarismus verwandelt, mit dem wir es je zu tun hatten.“ Silk Road ist interessant, aber leider auch sehr beliebig.

„Silk Road“ | R: Angela Richter | Do 9.6., So 12.6., Mi 15.6., Mi 6.7. 20 Uhr | Schauspiel Köln | 0221 22 12 84 00

Autor

Bernhard Krebs

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