Hirnlose Digitalisierung?

Was die Fantasie sieht, Foto: Cornelia Wortmann

Hirnlose Digitalisierung?

Mit den Händen lernen – choices-THEMA 10/17 KINDERSEELEN

Ein großes Thema über das im Bundestagswahlkampf kaum diskutiert wurde, ist die Digitalisierung. Zum einen lasse die digitale Infrastruktur, Stichwort: Glasfaserkabel, gerade in ländlichen Gebieten zu wünschen übrig, zum anderen befanden die Parteien, in Schulen bestehe Digitalisierungsbedarf. Der Slogan der FDP: „Das Digitalste in der Schule dürfen nicht die Pausen sein.“ Es klingt erstmal gut, wenn eine Partei eine bessere Ausstattung der Schulen mit Computern, Smart-Pads und Laptops fordert. Ob diese Mittel auch zu besseren Lernerfolgen führen, ist hingegen strittig. Besonders der Zeitpunkt und die Intensität des Einsatzes digitaler Medien in Schulen wird heftig diskutiert.

In den Vereinigten Staaten wird beispielsweise kaum noch Wert auf das Erlernen einer Schreibschrift gelegt. Außer im Kindergarten – eine Art einjährige intensive Vorschule – lernen amerikanische Schüler in den meisten Bundesstaaten keine verbundene Schreibschrift mehr. Stattdessen ist das Ziel, möglichst früh mit zehn Fingern auf der Tastatur schreiben zu können. Doch das hat, wie Wissenschaftler warnen, Auswirkungen auf die Ausbildung der kognitiven Fähigkeiten von Kindern – der Grundlage für alles weitere Lernen.

Dabei bringen Kinder von Geburt an alles für erfolgreiches Lernen mit. Ihr ungeheurer Wille, ihre unbändige Neugier und ihr fast grenzenloser Ehrgeiz machen sie aufmerksamer als Erwachsene. Ferner haben Kinder eine überbordende Fantasie, sind unglaublich begeisterungsfähig. Auch darum haben es Generationen geschafft, trotz nicht seltener Schwierigkeiten, eine Schreibschrift zu erlernen. Mittlerweile belegen Studien: Was Kinder mit der Hand aufschreiben, prägt sich besser ein. Die Handschrift ist eine komplexe motorische Aufgabe. Dabei wird das Gehirn intensiv beansprucht. Je mehr das Gehirn leistet, desto mehr Verknüpfungen entstehen. Und genau das ist Lernen.

Der Grund: Bei der Schreibschrift bewegt die Hand den Stift auf und ab und gleichzeitig von links nach rechts. Ferner werden diese Auslenkungen moduliert. Das Gehirn ist dabei stärker gefordert, als wenn der Stift immer neu angesetzt und der Buchstabe aus einzelnen Strichen zusammengesetzt wird, wie es bei der in Hamburg mittlerweile obligatorischen Grundschrift der Fall ist. Sie ist eine handschriftliche Ableitung der Druckschrift. Gerade, weil die Schreibschrift erstmal so kompliziert ist, sollte sie im Unterricht nicht einfach der Grundschrift oder dem Tippen auf der Tastatur geopfert werden. Die Schreibschrift ist, da sind sich Experten einig, ein gutes Training für das Gehirn und ein Leben lang von Vorteil.

Im Jahre 2012 ließ die US-Psychologin Karin James Kinder, die noch nicht schreiben und lesen gelernt hatten, Buchstaben auf eine von drei Arten reproduzieren: das Bild auf Papier anhand einer gepunkteten Linie nachzeichnen, es auf einem weißen Blatt freihändig zeichnen oder auf einem Computer tippen. Kinder, die die Vorlagen frei nachzeichneten, zeigten messbare Hirnaktivitäten in drei Bereichen, die auch bei Erwachsenen aktiv sind, wenn sie lesen und schreiben: der linken Spindelwindung, der unteren Stirnwindung und dem posterioren parietalen Cortex.

Bei Kindern, die nur Punkte verbanden oder die Buchstaben gar tippten, war kein vergleichbarer Effekt erkennbar. Karin James vermutet, dass gerade die „Unordnung“ der mit der Hand geschriebenen Buchstaben den Lerneffekt vergrößert. Jedes handschriftliche A sieht ein kleines bisschen anders aus. Wenn Kinder in diesen Variationen immer dasselbe Buchstabensymbol erkennen, begreifen sie offenbar besser. Der Neurologe und nicht selten alarmistisch klingende Anti-Digitalisierungsprediger Manfred Spitzer („Digitale Demenz“) stößt ins gleiche Horn: „Wenn ich Informationsverarbeitung nicht im Gehirn, sondern im Computer betreibe, hat das Gehirn nichts gelernt.“ Für Spitzer ist ein iPad in der Kita eine „Verdummungsmaßnahme“. Widerspruch gegen diese These komme nur von Leuten, die „iPads verkaufen wollen und keine Ahnung von Kindern und der Hirnentwicklung haben“. Die New York Times berichtete kürzlich, dass Silicon-Valley-Firmen gezielt versuchten, Lehrer als Markenbotschafter zu rekrutieren. So sollen Schulen zu Abnehmern der Digitalprodukte gemacht und mit den Schülern ein zukünftiger Kundenstamm aufgebaut werden.

Die Digitalisierung der Schulen ist unbestritten eine wichtige Aufgabe. Das Wohl der Kinder und ihre kognitive Entwicklung sollte hierbei aber nicht vor lauter Tech-Begeisterung aus den Augen verloren werden.

Autor

BERNHARD KREBS

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