Highway to Heaven

Ungläubige müssen draußen bleiben, Foto: David Baltzer

Highway to Heaven

Nuran David Calis lässt am Schauspiel Köln „Glaubenskämpfer“ aufmarschieren – Auftritt 04/16

Es sind die Säkularen, die der Zweifel befällt, nicht die Gläubigen. So zahlreich die Kriege, so brutal die Menschen: Die Religion scheint davon merkwürdig unberührt. Theodizee hin oder her. Im Gegenteil. Die Religion feiert eine Renaissance, wie man das nach der Aufklärung kaum für möglich gehalten hätte. Angesichts dessen gerät der gemeine europäische Atheist in die Defensive. In Nuran David Calis‘ Stück „Glaubenskämpfer“ müssen die Zweifler deshalb draußen bleiben: Annika Schilling, Simon Kirsch, Martin Reinke und Mohamed Achour sitzen verstreut auf Stühlen und reflektieren, wie das überhaupt auszuhalten ist: nicht zu glauben. Sie retten sich in den hohlen Lobpreis des Theaters als aufgeklärtem Freiraum des Denkens.

Im Zentrum allerdings stehen die gläubigen Christen, Muslime und ein Jude. Versammelt um eine weiße Säule mit zwei drehbaren Flügeln, die Buchseiten, die Wände eines Schachts oder schlicht Projektionsfläche (Bühne: Anne Ehrlich) sein können – und die letztlich die Oase der Buchreligionen in der Wüste des Unglaubens (vulgo: der Bühne) darstellt. Calis zielt (zunächst) nicht auf eine Kritik an Radikalisierungen und Brutalisierung der Religion, er will den Alltag der Gläubigkeit, den er allerdings nur bedingt findet. Da erzählt Schwester Johanna Dudek, wie sie sich für sie Heiliges und Natur verbunden haben und wie sie sich schließlich zu ihrer Berufung als Schwester gefunden hat. Ayfer Sentürk Demir berichtet, wie sie von ihrer Mutter in eine Koranschule gesteckt wurde, aus der Schule geflohen und dann doch wieder zurückgekehrt ist. Avraham Applestein hat seine Familie größtenteils im Holocaust verloren. Er ist mit seinen Eltern, die allerdings ihren Glauben nie ausgelebt haben, nach Israel entkommen. Das hat erst der Sohn getan, ausgerechnet in Deutschland. Es sind persönliche Geschichten einer unmittelbaren Gotteserfahrung, des Kampfs um den Glauben, seiner Überwölbung des Alltags. Martin Reinke, der erst später in die weiße Oase aufgenommen wird, markiert mit seiner faszinierenden Pascal‘schen Wette so etwas wie die ultima ratio in der europäischen Glaubensdiaspora: Es ist eine philosophische Glaubenskonstruktion, die Gott nicht als Urheber, sondern prozessual denkt.

Die Aufführung setzt fast ausschließlich auf diese diskursiven Vermittlungen der Glaubenserfahrung, auf subjektive Erfahrung, die aufgrund ihrer persönlichen Beglaubigung ihre unwiderstehliche Relevanz erhält. Peinlich allerdings wird der Abend immer dann, wenn Calis seiner Scripted Geständnis-Reality inszenierte Glaubensstreits hinzufügt. Vor allem, wenn Kutlu Yurtseven, Ismet Büyük, Annika Schilling, Simon Kirsch und Mohamed Achour um die Silvestervorgänge in Köln oder die pauschale Verdächtigung von Muslimen streiten: aufgeschäumte Emotion, die so schnell entsteht, wie sie zusammenfällt. Problematisch erscheint in diesem Kontext die Videoeinspielung der rechtsradikalen Aktivistinnen Melanie Dittmer und Ester Seitz – ihre kruden Thesen vom Untergang des Abendlandes zum Glauben hochzustilisieren erscheint mehr als fragwürdig. Umgekehrt wird die radikalisierte Glaubensversion nur in der muslimischen Variante dargeboten: Christliche oder jüdische Fanatiker bleiben außen vor – eine Tatsache, um die ein heftiger Streit entbrennt. Im Video zu sehen ist der Salafist Bernhard Falk, der die Anschläge von Paris rechtfertigt. Und dann kommt, was kommen muss: Ein Propagandavideo des IS in bester Hollywood-Film-Manier mit dröhnendem Sound, martialischen Stimmen – auf der Bühne gibt Dominic Schmitz versöhnend seine Wandlung vom Salafisten zum friedfertigen Moslem zum Besten – eine medienkompatible Bekehrungsgeschichte, nicht frei von Kitsch. Dass die Nichtgläubigen die Glaubenstoleranz Europas nur aus der Defensive heraus verteidigen, sich in Minderwertigkeitskomplexe hineinsteigern, ist dann ziemlich trostlos. Am Ende erzählt Kutlu Yurtseven die schöne Geschichte vom ersten Ramadan-Gebet in Köln 1965, die im Ostflügel des Kölner Doms abgehalten wurde.

Autor

HANS-CHRISTOPH ZIMMERMANN

Dieser Artikel erschien auf www.choices.de, lesen Sie weitere Artikel auf www.choices.de/buehne

0