Herr Schneider privat

Mülheim - Texas. Helge Schneider hier und dort

Herr Schneider privat

Die Filmstarts der Woche

Klar gibt es inzwischen an allen Ecken und Enden des Internets biografische Informationen über Helge Schneider, auch wenn dieser mindestens so gerne wie Stefan Raab auf seine Privatsphäre achtet. 1992 hat er sogar schon mal eine Autobiografie – zumindest den 1. Teil davon – mit dem schönen Titel „Guten Tach. Auf Wiedersehen.“ veröffentlicht. Viel spannender ist aber doch, was der Mann über Kunst im Allgemeinen und seine Kunst im Speziellen zu sagen hätte. Das hat sich auch die Regisseurin Andrea Roggon gedacht und hat ihn für „Mülheim – Texas. Helge Schneider hier und dort“ (Filmpalette, OFF Broadway) an alle möglichen Orte begleitet, erzählen lassen, auch mal mit Fragen konfrontiert oder einfach nur herumalbern lassen. Herausgekommen ist dabei eine Dokumentation, die in seinem wirren Mix aus Alltag, Arbeit und surrealem Traum auch ein Programm von Schneider sein könnte. Produzentin Ulla Lehmann und Roggon stellen ihren Film am Montag, 20.4. um 20 Uhr im OFF Broadway vor.

In der trostlosen iranischen Stadt Bad City braust ein cooler James-Dean-Verschnitt mit seinem schicken Ford Thunderbird davon. Kurz darauf wird ihm der Wagen von einem fiesen Dealer abgenommen. Doch der Dealer lebt nicht lange. Schuld daran ist eine junge, hübsche, verschleiert Frau, die nachts auf einem Skateboard durch die Straßen rollt. Sie ist ein Vampir, und als sie auf Arash, den James Dean-Verschnitt trifft, kommt dieser gerade als Dracula verkleidet von einer Kostümparty… Wesentlich verrückter als „A Girl Walks Home Alone at Night“ (Odeon, OFF Broadway) kann man sich einen iranischen Vampir-Film kaum vorstellen. Dabei ist das in den USA in schwarzweiß gedrehte Langfilmdebüt von Ana Lily Amirpour, das natürlich an Jarmuschs letzten Film erinnert, zum einen extrem stylish, zum anderen von einer spannungsvollen Ruhe getragen. Betörend!

Tim Burton ist bislang erst einmal (fast) ohne fantastische Elemente ausgekommen: als er 1995 in „Ed Wood“ die Lebensgeschichte des Trashregisseurs nacherzählte. In „Big Eyes“ (Cinenova, Residenz, UCI, OmU im Metropolis) widmet er sich nun abermals einem Künstlerleben. Mit der grandiosen Amy Adams rekonstruiert er die Karriere der Malerin Margaret Keane, deren Besonderheit die großen Augen der von ihr porträtierten Kinder war. Ihre sensationelle Karriere verdankte sie ihrem geschäftstüchtigen Ehemann (over the top: Christoph Waltz), der die Bilder allerdings als die seinen ausgab.

Andreas Marquardt war Karateweltmeister. Und er war Zuhälter, Knastbruder und Missbrauchsopfer.  Rosa von Praunheim („Die Jungs vom Bahnhof Zoo“) hat sich mit seinem biografischen Drama „Härte“ (Filmpalette) wieder ein Stück weit neu erfunden. In seiner Mischung aus Dokumentar- und Spielfilm hat er in den fiktionalen Szenen zum ersten Mal ausschließlich mit Profischauspielern zusammengearbeitet. Dass trotzdem mitunter auch hier ein wenig Dilettantismus durchschimmert, ist eben ein Markenzeichen des Regisseurs. Der hat sich einer Form des sexuellen Kindesmissbrauchs (durch die Mutter!) angenommen, die viel zu selten thematisiert wird. Provokant sind die subjektiven Einstellungen aus Sicht des Kindes während des Missbrauchs. Diese schwarz-weiß gefilmten Spielszenen werden zusätzlich stilisiert durch die Künstlichkeit, die durch die klar erkennbaren Studiokulissen entsteht. Rosa von Praunheim ist am Freitag, 24.4. um 21 Uhr zu Gast in der Filmpalette.

Regisseur Marcus H. Rosenmüller („Wer früher stirbt ist länger tot“) nähert sich in „Hubert von Goisern – Brenna tuat’s schon lang“ (Cinenova) dem österreichischen Liedermacher Hubert von Goisern. Archivmaterial, Gespräche mit dem Musiker und seinen Weggefährten bilden ein filmisches Portrait, das den Werdegang des kritischen Künstlers, die Person und seine Musik zu ergründen sucht. Ein gelungener Mix aus Musik-, Heimat- und Dokumentarfilm. Hubert von Goisern und Produzent Hage Hein sind am Montag, 27.4. um 20 Uhr live zu Gast im Cinenova.

Tami ist 22 und lebt mit ihrem Vater (Tzahi Grad) zusammen. Sie führen eine inzestuöse Beziehung. Alltäglich, selbstverständlich. Er geht arbeiten, sie macht den Haushalt. Tami leidet unter Bulimie und fügt sich Selbstverletzungen zu, zugleich findet sie im Vater Trost und Liebe. Dann beginnt er eine Affäre. Die politische Filmemacherin Keren Yedaya erzählt in „That Lovely Girl“ (Filmhaus) nüchtern, alltäglich und schonungslos von einer durch und durch kranken Beziehung.

Charles Philip Arthur George, Prince of Wales und Duke of Cornwall legt nicht nur Wert auf Etikette, sondern zugleich auf eine bessere Welt. Prinz Charles hat eine Vision, an der er seit bereits über dreißig Jahren arbeitet: Gemeinsam mit dem Farmmanager David Wilson engagiert er sich gegen Klimawandel und für eine ökologische Landwirtschaft. Mit einiger Verspätung kommt Bertram Verhaags sehenswerte Doku „Der Bauer und sein Prinz“ (Odeon) nun auch in die Domstadt.

Anna Thommens Dokumentarfilm „Neuland“ (Filmhaus) begegnet Schülern einer Integrationsklasse in Basel. Die jungen Immigranten erzählen der Regisseurin von ihrer Vergangenheit, von ihrer Flucht aus der Heimat und von ihren Träumen und Hoffnungen. Der Film fasst zwei Schuljahre zusammen, in denen die Schüler eine neue Sprache und Kultur kennen lernen, sprich: in denen sie Integration erfahren.

Dokumentarfilmer Gerd Kroske vollzieht in „Striche ziehen“ (Filmhaus) die Kunstaktion „Weißer Strich“ nach. Nachdem sie in der DDR verhaftet wurden, reisen befreundete Punks nach West-Berlin aus. 1986: Aus Groll über den dortigen Mauer-Tourismus, beginnen sie, die Mauer auf der Westseite mit einem weißen Strich zu versehen. Man glaubt es kaum, unter den Punks befindet sich ein Stasi-Spitzel.

Außerdem neu in den Kinos: Joss Whedons Superhelden-Stelldichein „Marvel’s The Avengers2: Age of Ultron“ (Cinedom, UCI, OV im Metropolis) und Alex Garlands nachdenkliches Sci-Fi-Drama „Ex Machina“ (Cinedom, UCI, OmU im Metropolis).

Autor

REDAKTION choices.de

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