Große Vielfalt

„Afripedia“ ist eine Dokuserie über Kreative aus ganz Afrika, Foto: Presse

Große Vielfalt

Das Afrika Film Festival macht einen unterrepräsentierten Kontinent sichtbar

Zum hundertsten Geburtstag des Kinos beauftragte die BBC im Jahr 1995 15 nahmhafte Regisseure, einen Film über die Filmgeschichte ihres Landes zu drehen. Dabei entstand ein mehr oder weniger grobmaschiges Netz zur „Filmgeschichte Weltweit“ – so der Titel der DVD-Box, die anschließend die Filme von Jean-Luc Godard, Martin Scorsese, Nagisa Oshima, Edgar Reitz, Stephen Frears u.v.a. versammelte. Bemerkenswert war neben den Filmen selbst die Tatsache, dass alle Kontinente abgedeckt wurden, sogar ein Film über das neuseeländische Kino ist in der Sammlung vertreten. Alleine Afrika kommt in dieser Kinogeschichte nicht vor. Das Kölner Afrika Film Festival stellt mit der 14. Ausgabe diesen Befund wieder einmal auf den Kopf: Vom 15. bis zum 25. September werden hier ausschließlich Filme aus Afrika gezeigt.

Tatsächlich sieht es im Alltag der hiesigen Kinokultur ähnlich aus wie bei der erwähnten DVD-Box. Dass fast keine afrikanischen Filme regulär im Kino laufen, liegt nicht unbedingt an der Quantität. Immerhin findet man mit dem nigerianischen Kino – auch Nollywood genannt – einen der weltweit größten Produktionsorte auf dem Kontinent. Ungefähr 2000 Filme werden dort jährlich gedreht, allerdings unter widrigen Bedingungen und meist für eine transkontinentale Auswertung nur selten geeignet. Spannender für ein hiesiges Publikum sind wohl jene Filmemacher, die einen künstlerischen Ansatz im Sinne des Arthauskinos verfolgen wie z.B. Abderrahmane Sissako („Das Weltgericht von Bamako“, „Timbuktu“) aus Mauretanien, Mahamat-Saleh Haroun („Daratt“, „Der Mann, der weint“) aus dem Tschad oder Moussa Touré („Die Piroge“) und der Altmeister Ousmane Sembène („Moolaadé“) aus dem Senegal. In diese Kategorie fällt sicher das Debüt „Hedi“ von Mohamed Ben Attia, das auf der diesjährigen Berlinale im Wettbewerb lief und Majd Mastoura für seine Darstellung eines zwischen Tradition und seinem eigenen, um autonomität bestrebten Lebensentwurf hin- und hergerissenen jungen Mann den silbernen Bär als bester Hauptdarsteller einbrachte. „Hedi“ wird auf dem Afrika-Filmfest ebenso als Premiere zu sehen sein wie „Kaum öffne ich die Augen“ von Leyla Bouzid, die wiederum von einer jungen tunesischen Frau im Konflikt zwischen eigener Freiheit und staatlicher Repression erzählt. Beide Filme kommen im Herbst auch regulär ins Kino.

Doch die klassische Kinoauswertung ist die Ausnahme und gilt für keinen der anderen 81 Spiel-, Dokumentar- und Kurzfilme aus 25 Ländern, die auf dem Festival gezeigt werden. Man kann dem Afrika Film Festival und seinen MacherInnen kaum genug dafür danken, dass sie all die Jahre einen breiten Einblick in die große Vielfalt der afrikanischen Filmszene ermöglichen. Dabei setzten sie jeweils explizit politische Akzente. In diesem Jahr fokussiert das biennal in Köln ausgetragene Festival auf das Thema „Sisters in African Cinema“, mit aktuellen Filmen von Regisseurinnen afrikanischer Herkunft. Rund um das Festival gibt es wieder ein reiches Rahmenprogramm mit vielen Filmemachern, die zu den Vorstellungen anwesend sind und in Gesprächen Einblicke in ihre Arbeit geben, Workshops, Vorträgen, Ausstellungen, Lesungen, Schul- und Kinderfilmvorstellungen, Musikprogramm und kulinarischen Höhepunkten. choices stiftet auch in diesem Jahr den Publikumspreis für den besten Spielfilm.

Afrika Film Festival | 15.-25.9. | Festivalzentrum: Filmforum NRW, div. Orte | www.filme-aus-afrika.de

 

CHRISTIAN MEYER

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