„Glück ist eine Option“

Porträt des Machers als Opfer, Foto: Thilo Beu

„Glück ist eine Option“

Thomas Melles Stück „Bilder von uns“ wurde am Theater Bonn uraufgeführt
– Auftritt 02/16

Ein Handy knallt auf den Bühnenboden. Eine Lehrerin schaut drauf und sieht: einen halbnackten kleinen Jungen im Display. Sie macht dem Besitzer Jesko Drescher eine lautstarke Szene und beschließt, die Polizei einzuschalten. Am Ende des Abends: Wieder fällt ein Handy zu Boden, diesmal liegt Jesko im Clinch mit seinem früheren Klassenkameraden Malte. Das Bild des Jungen wird gelöscht. Jesko stampft auf dem Handy herum, bis es sich in seine Einzelteile zerlegt. Gewaltsames Ende einer Beweiskette? Ja, aber Jesko ist nicht der pädophile Täter, sondern das Opfer. Der Junge auf dem Display zeigt den jetzt erfolgreichen Manager eines Verlagsgiganten. Ein Bild aus Jugendtagen, als Jesko das Franz-Xaver-Kolleg besuchte und dort in die Fänge von Pater Stein geriet – und das ihm jetzt anonym zugeschickt wurde.

Thomas Melle nimmt für sein Stück „Bilder von uns“ zwar einen Skandal um das Aloisius-Kolleg in Bonn zum Anlass, entzieht sich aber dem gängigen dramaturgischen Pädophilie-Setting. Nicht die Anklage des Täters steht im Zentrum. Der Pater tritt gar nicht erst auf. Melle interessiert viel mehr die Frage, inwieweit wir die Verfügungsgewalt über unsere Vergangenheit und über unser Leben verlieren, wenn der Verdacht im Raum steht, missbraucht worden zu sein. Lässt sich der eigenen Erinnerung überhaupt trauen? Was heißt überhaupt Pädophilie: Fällt ein Foto unter Missbrauch oder muss es zum haptischen Übergriff kommen? Melle stellt seiner Hauptfigur Jesko die drei früheren Mitschüler Malte, Johannes und Konstantin gegenüber, die von Aufklärung, Totschweigen bis zur Depression unterschiedliche Strategien der Verarbeitung wählen.

Regisseurin Alice Buddeberg setzt am Theater Bonn das Stück in ein mehrdeutiges Bühnenbild. Ein Halbkreis aus klassischen Schulstühlen , zwischen denen Regaltürme mit Diaprojektoren aufgebaut sind (Bühne: Cora Saller). Das kann eine Unterrichts-, eine Therapie-, aber auch eine Verhandlungssituation sein. Benjamin Grüter gibt als Jesko zunächst den forschen, alerten und ungeduldigen Leader. Beim Wiedersehen umarmt er zwar den jovial-ironischen Malte (Hajo Tuschy), bleibt aber drängend und unnachgiebig, als es um den Missbrauch geht: „Bilder sind Vergewaltigung“. Doch Jesko haben die Bilder mehr irritiert, als er zugibt: Bei der Suche nach dem Absender brüllt er seinen früheren Kumpel Johannes (Holger Kraft als selbstsicherer Aufsteiger-Anwalt in einem Gerichts-Laufstall) übernervös an.

Verlagsbranche-Rechtsanwalt- Werbeagentur: Melle zeichnet im Aufeinandertreffen der drei früheren Internatsschüler die Überheblichkeit einer gesellschaftlichen Elite nach: Das Schwelgen in Erinnerungen ist durchsetzt mit dem Bewusstsein, eine Kader- und Karriereschmiede besucht zu haben. Jeskos Haltung wandelt sich deshalb in eine radikale Verteidigung seiner Schule, die jede Kontaminierung der eigenen Erinnerung („Ihr redet mir nichts ein!“) ausschließen soll. Die wütende Abwehr des „Opferkults“ geht einher mit dem inneren Zerbrechen. Während seine Frau Bettina (Mareike Hein) ihn unnachgiebig-fürsorglich auffordert „Mach was!“, zerknüllt Jesko unter Tränen ein Dia seiner selbst.

Buddeberg richtet das Stück je länger, je mehr als theatrale Verhandlung ein, bei der die Figuren in die Mitte treten, um ihre Position vorzubringen. Das führt zu einem Gewöhnungseffekt, der umso stärker zutage tritt, wenn Konstantin (Benjamin Berger) auftritt. Er ist der eigentlich Missbrauchte, der Depressive, der Gescheiterte, dessen Freundin Sandra (Lydia Stäubli) die Fotos an Jesko geschickt hat. Seine Beschreibung des Missbrauchs ist nicht nur erschütternd, sie zeigt auch, dass dem Abend diese Emotionalität ansonsten fehlt. Melles Stück hat in der Mischung von dialogischen und epischen Passagen einen hohen diskursiven Anteil, den die Inszenierung stärker hätte konterkarieren müssen. Jesko stürzt sich schließlich in eine aggressiv-wilde Affäre mit der Lehrerin (Johanna Falkner) und findet bei einem Autounfall den Tod. Ein nichtsdestotrotz sehenswerter Abend des Bonner Schauspiels, vor allem aber ein Stück, das den bisherigen engen Deutungshorizont in der Pädophilie-Debatte weit überschreitet.

„Bilder von uns“ | R: Alice Buddeberg | 2., 11., 13., 19.2. 20 Uhr | Theater Bonn
0228 77 80 08

Autor

HANS-CHRISTOPH ZIMMERMANN

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