„Geschäftsmodelle auf CO2-Emissionen prüfen“

Eugen Pissarskoi, Foto: Stefanie Freier

„Geschäftsmodelle auf CO2-Emissionen prüfen“

Eugen Pissarskoi über die finanziellen Kosten des Klimaschutzes

choices: Herr Pissarskoi, eine Transformation von Wirtschaft und Gesellschaft, oder die weiterhin ungebremste Zunahme der Effekte der Erderhitzung – welche Kosten werden für diese beiden Szenarien prognostiziert?
Eugen Pissarskoi: Das ist eine berechtigte Frage. Es gibt zahlreiche Studien, die versuchen, sowohl die Kosten eines ungebremsten Klimawandels zu schätzen, als auch die Kosten adäquater Klimaschutzmaßnahmen. Ich muss allerdings gestehen, dass ich gerade ökonomische Studien für wenig verlässlich halte. Was die Auswirkungen eines ungebremsten Klimawandels angeht, wissen wir von den KlimawissenschaftlerInnen, dass die globale Durchschnittstemperatur um vier Grad oder sogar stärker ansteigen kann, wenn weiterhin Treibhausgase in einem Ausmaß wie bisher emittiert werden. Man kann sich ohne komplexe Schätzungen ausmalen, dass dies katastrophale Auswirkungen für die Menschheit haben wird. Die andere Frage ist also, was kostet es, den Klimawandel zu vermeiden? Die meisten Schätzungen kommen zu dem Ergebnis, sowohl für Deutschland als auch global, dass man von einem Aufwand von ein bis zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts jährlich ausgehen sollte. Ich bin da allerdings sehr skeptisch. Es könnte sowohl weniger, als auch mehr sein.

Wo liegt der Fehler?
Derartige Schätzungen sind sehr komplex. Man erstellt dabei einen Referenzrahmen und versucht zu prognostizieren, wie hoch die Emissionen im Jahr 2050 sein werden, wenn wir weiterhin so leben und wirtschaften wie bisher. Diese Referenzrahmen hängen aber von vielen Faktoren ab, die über einen Zeitraum von 30 Jahren kaum zu prognostizieren sind, wie dem Wirtschaftswachstum, der Technologieentwicklung oder dem Bevölkerungszuwachs. Es ist in etwa so, als würde man 1980 versuchen, auf das Wirtschaftswachstum von heute zu schließen: Damals waren Wachstumsraten von drei bis fünf Prozent an der Tagesordnung, heute sind das völlig unrealistische Zahlen. Wenn die Wirtschaft nicht so wächst wie angenommen, entwickelt sich auch der Treibhausgasausstoß anders. Auch die Höhe der unterstellten Verzinsung spielt eine unglaublich große Rolle für die Höhe der Klimaschutzkosten. Wenn sie etwa einen Kredit über 200.000 Euro über 30 Jahre aufnehmen, macht es einen großen Unterschied, ob der Zinssatz zwei oder vier Prozent beträgt. Die meisten Studien unterstellen eine bestimmte Zahl, etwa 2-3 Prozent. Allerdings ist die Bundesregierung derzeit in der Lage, sich mit einem Zinssatz von null Prozent zu verschulden, deswegen könnte man auch die Rechnung anstellen, sämtliche Klimaschutzmaßnahmen über die Staatsverschuldung zu finanzieren. Das würde die Kosten enorm senken. Der Klimaschutz könnte uns also fast gar nichts kosten oder auch das doppelte, nämlich vier bis fünf Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Aber auch das wäre angesichts der möglicherweise katastrophalen Folgen eine überschaubare Zahl.

Zur Person:
EUGEN PISSARSKOI studierte Philosphie und Volkwirtschaftslehre in Mannheim und Berlin und erhielt ein Promotionstipendium der Hans-Boeckler-Stiftung. Seit 2017 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter am internationalen Zentrum für Ethik in den Wissenschaften der Universität Tübingen. Foto: Stefanie Freier

Auch eine CO2-Steuer wird nun wieder ernsthafter diskutiert, wäre sie ein geeignetes Mittel?
Eine Steuer wäre definitiv ein wichtiges Instrument, um Anreize für Akteure zu schaffen, weniger zu emittieren. Idealerweise würde ich sie aber breiter fassen, als Steuer auf Treibhausgase (THG). Methan zum Beispiel ist auch ein relevanter Faktor.

Kritiker dieser Idee argumentieren, dass sie besonders mittlere und einkommensschwache Schichten treffen würde.
Eine THG-Steuer hat gerade den Vorteil, genau diejenigen zu belasten, die Treibhausgase emittieren. Sie würde also nicht die Falschen treffen können. Aber sie könnte durchaus ungerechte Lasten für bestimmte Gruppen mit sich bringen – für Menschen, die darauf angewiesen sind, THG zu emittieren, um ein würdiges Leben zu führen. Wenn man also lediglich die THG besteuert, ohne derartige Härten abzufangen, würde eine Steuer zu Ungerechtigkeiten führen. Darum gehen etwa die Vorschläge, die Ottmar Edenhofer und Christoph Schmidt gemacht haben, in Richtung einer Fortsetzung der Ökosteuer: Die Einnahmen sollen dazu verwendet werden, Sozialabgaben oder Steuern zu reduzieren, um darüber zu einer Entlastung zu führen. Der Teufel steckt allerdings bei der Ausgestaltung der Steuer im Detail: Wenn man die THG-Steuer lediglich dazu verwendet, die Sozialabgaben zu reduzieren, wird man nicht alle Härtefälle abfangen können. Rentnerinnen etwa, die in einem nicht sanierten Haus leben und sehr viel Heizenergie verbrauchen, werden durch die höheren Heizkosten Nachteile haben, während ihnen eine Senkung der Rentenversicherungsbeiträge nichts bringen wird. Darum sollte mit der THG-Steuer eine Debatte über die Gestaltung des Sozialstaates einhergehen. Womöglich sollten Sozialleistungen wie das Wohngeld erhöht werden, um ungerechte Belastungen aus einer THG-Steuer zu vermeiden. Wie genau eine THG-Steuer ausgestaltet werden sollte, um sozial gerecht zu sein, diese Frage sollte in politischen Debatten vertieft diskutiert werden.

Eine Debatte, die wahrscheinlich sehr emotional geführt werden wird…
Wir dürfen eben nicht vergessen, dass die Kosten sehr stark von unseren Verhaltensweisen abhängen. Menschen etwa, die es gewohnt sind, sehr viele Tierprodukte zu essen, werden mehr Geld für ihre gewohnte Ernährungsweise aufwenden müssen, sobald eine THG-Steuer eingeführt wird – es sei denn, sie gewöhnen sich an, weniger Tierprodukte zu essen. Ähnlich ist es im Bereich des Wohnens oder der Mobilität: Wer in einem Haus im Grünen auf dem Land lebt und jeden Tag 50 Kilometer zurücklegt, um zu seiner Arbeitsstätte zu pendeln, ist auf den Individualverkehr angewiesen. Will man seinen Lebensstil beibehalten, ist der Umstieg auf Elektrofahrzeuge eine Option – die werden aber womöglich teurer sein als herkömmliche Autos. Ändert man seine gewohnte Mobilitätsweise und legt die 50 Kilometer mittels einer Mischung aus Elektrofahrrädern, öffentlichem Nahverkehr und Car-Sharing zurück, sinken womöglich die gesamten Mobilitätskosten. Möglicherweise fühlt es sich zusätzlich als Gewinn für die Lebensqualität an, jeden Tag zehn Kilometer mit dem Rad zurückzulegen.

Besonders dieser Faktor wird ja als besonders schwer zu beeinflussen betrachtet – Menschen ändern ihre Gewohnheiten ungern.
So ein Wandel der Lebensweisen ist tatsächlich etwas, das wir noch nie ausprobiert haben. Harald Welzer und Claus Leggewie haben genau das vor zehn Jahren in einem gemeinsamen Buch beschrieben, nämlich, dass wir keine Erfahrung darin haben, einen kulturellen Wandel einzuleiten oder zu moderieren. Gleichzeitig sehen wir aber, dass sich Werte immer schneller wandeln: Jugendliche nehmen den Klimaschutz heute viel ernster und versuchen, ihre Verhaltensweisen zu ändern, etwa ihr Mobilitätsverhalten. Das Alter, in dem man heute seinen Führerschein macht, hat sich deutlich nach oben verschoben. Die Rauchgewohnheiten haben sich in wenigen Jahrzehnten unglaublich verändert, auch dank dem politischen Eingreifen. Auch wenn wir keinen Masterplan haben, keine Instrumente, mit denen wir die Leute in die gewollte Richtung schubsen können – und aus bestimmten Gründen ist es gut, dass es einen solchen Masterplan nicht gibt – bin ich zuversichtlich, dass wir in demokratischen Gesellschaften durch Diskutieren und Ausprobieren, durch Experimente, die auch politisch gestützt und gefördert werden, ziemlich gute Bedingungen haben, kulturelle Praktiken zu ändern.

Der Finanzsektor gilt gerne als Motor der Realwirtschaft – welche Rolle hat dieser bisher bei den Bemühungen um Klimaschutz gespielt?
Ich würde den Finanzsektor eher als Getriebe denn als Motor bezeichnen, wenn wir bei Metaphern aus Kfz-Bereich bleiben wollen. Der Finanzsektor nimmt Kapital auf und gibt es weiter, bislang aber nicht nach Kriterien, bei denen Klimaschutzaspekte eine Rolle spielen, sondern allein nach marktwirtschaftlichen Filtern. Das ist ein Problem. Wir haben im Zuge der Finanzkrise gesehen, dass Finanzakteure nicht sehr gut darin sind, mit versteckten Risiken umzugehen – mit systemischen Risiken, die sich nicht sofort offenbaren. Der Klimawandel ist ein solches Problem, von dem wir kurzfristig nichts merken und das die Marktsignale nicht anzeigen, das aber irgendwann zu Verwerfungen an den Finanzmärkten führen wird. Wie das gehen kann, können wir etwa anhand einer Flutkatastrophe in Thailand 2011 beobachten: Damals waren Fertigungsstätten von Chipherstellern in Mitleidenschaft gezogen worden, so dass die Lieferketten unterbrochen waren und die Auswirkungen einer Überflutung am anderen Ende der Welt auf Märkten in Industrieländern zu merken waren. Da man nun also weiß, dass Finanzakteure schlecht darin sind, mit Risiken dieser Art umzugehen, müsste man im Grunde regulierend eingreifen und sie dazu bringen, Klimaschutzrisiken stärker in den Fokus zu nehmen. Politisch wird das allerdings überhaupt nicht diskutiert.

Wie könnte eine solche Regulierung aussehen?
Im Grunde so ähnlich wie bei einer CO2-Steuer: Investitionen in Unternehmen, deren Geschäftsmodell auf die Emission von Treibhausgasen angewiesen ist, sollten besteuert, oder erschwert werden. Man könnte eine Berichtspflicht einführen, dahingehend, dass die Geschäftsmodelle auf ihre Abhängigkeit von CO2-Emissionen hin geprüft werden und die Kreditvergabe daran gekoppelt wird. Das scheint mir ein gangbarer Weg zu sein.

INTERVIEW:

CHRISTOPHER DRÖGE

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