Geister, die Klarheit schaffen

Alles Banane: Hagen Rether redet nicht um den heißen Brei herum, Foto: Lankes

Geister, die Klarheit schaffen

Hagen Rether und Rüdiger Hoffmann geben Gas

Uff, die sommerliche Durststrecke ist überstanden. Auch die schwülen Hundstage, an denen man am liebsten in den Eisschrank gekrochen wäre, sind gottseidank vorbei. Blöd nur, dass alle Welt in irgendwelchen Pools, Meeren oder Bergseen herumplantscht, während man selbst zu Hause sitzt und vor sich hin dampft. Die meisten Kleinkunst-Tempel machen erst wieder nach den Sommerferien auf, dann nämlich, wenn das Stammpublikum wieder im Lande ist: all die Lehrer, die sich von den Kabarettisten erzählen lassen wollen, was wieder mal schief gelaufen ist. An Problemen mangelt es nun wirklich nicht, genauso wenig wie an Aufregern. Stichworte: Terror, Türkei und Tugendwächter. Da braucht es Geister, die Klarheit schaffen.

Zum Beispiel einen wie Hagen Rether, dem man alles Mögliche vorwerfen kann, nur nicht, dass er Everybody‘s Darling sein möchte. „Liebe“, so der seit Jahr und Tag konstante Titel seines ständig aktualisierten Programms, mit dem er am 13. September in der Zeche Zollverein Halle 12 in Essen und am 14. in den Flottmann-Hallen in Herne das Geflecht aus politischen und wirtschaftlichen Abhängigkeiten auseinander dröselt und Strippenzieher, Strohmänner und Sündenböcke beim Namen nennt. Den sogenannten gesellschaftlichen Konsens stellt er vom Kopf auf die Füße, ganz zu schweigen vom System, in dem wir herumzappeln wie ein orientierungsloser Schwarm kopfloser Goldfische. Doch die Verantwortung tragen nicht „die Mächtigen“ allein – wir, ihre mehr oder weniger willigen Kollaborateure, müssen uns wohl am eigenen Schopf aus unserer Komfortzone ziehen, um nicht in den Abgrund zu stürzen, den wir gemeinsam geschaufelt haben. Das ist zumindest die dialektisch einwandfrei formulierte Botschaft, mit dem der in Essen ansässige Kabarettist seine aufmerksamen Zuhörer in die späte Nacht entlässt.

„Das Gegenteil von gut ist gut gemeint“, hat bereits Kurt Tucholsky konstatiert. Seit nunmehr 30 Jahren tourt Rüdiger Hoffmann durch die Republik und liebäugelt mit der Kamera, die seine Fernsehauftritte aufzeichnet: Eine Auswahl lässt sich auf Youtube bestaunen. Da erfährt man von dem glücklichen Tag, als er als Vorprogramm der Rolling Stones für Begeisterung sorgte, von Susanne, der Frau in seinem Leben, ein Pfundskerl, die leider kein kaltes Bier im Kühlschrank hat, als er aus dem Urlaub von Mauritius zurückkommt und von einem Paar namens Olaf und Birte, bei deren Hochzeit er sich fragt, „ob das mal gut geht“.

Mit treuherziger Miene haut er seine Bekannten in die Pfanne, bezeichnet seinen Geiz als „finanziell zurückhaltend“ und fiebert dem Tag entgegen, wo er an der Theke „Doppelherz on the Rocks“ bestellen wird. In seinem Jubiläumsprogramm „Ich hab’s doch nur gut gemeint“ stellt er kabarettistische Glanznummern vor, und es wundert nicht sonderlich, dass sein Gastspiel beim diesjährigen RuhrHochDeutsch-Festival am 28. im Dortmunder Spiegelzelt komplett ausverkauft ist. Derzeit aber noch nicht am 17. im Oberhausener Ebertbad… Mit ein bisschen Glück klappt es dann ja, frei nach dem Motto „Hallo erst mal…“ oder frei nach Tucholsky: „Gut gemeint ist das Gegenteil von gut.“ Dem lässt sich nur zustimmen, meint zumindest Ihre stets über Tage lebende

ANNE NÜME

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