Geduldiges Sehen

Links: Bartolomé Esteban Murillo, Alte Frau und Junge, um 1655, Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud, Rechts: Jusepe de Ribera, Hl. Paulus, der Eremit, 1647, Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud, Fotos: RBA Köln

Geduldiges Sehen

Spanische Barockmalerei im Wallraf-Richartz-Museum

Manchmal braucht es für eindrucksvolle Ausstellungen gar nicht die großen Hallen. Manchmal reicht ein Raum, wenn es die Qualität der Werke und das Konzept dahinter hergeben. Diese Erkenntnis setzt das Wallraf-Richartz-Museum in seinen jährlich wechselnden Ausstellungen im Eckraum des Obergeschosses um. Diesmal geht es um die Malerei des Barock in Spanien, um Bartolomé Esteban Murillo, Francisco de Zurbarán und Jusepe de Ribera. Mit Luca Giordana ist auch ein Neapolitaner vertreten, der als Schüler Riberas die besten Qualitäten seines Lehrers zu bieten hat.

Barock und zwar in Spanien, das ist Weltklasse. Ein zentrales Merkmal der ausgestellten Bilder ist der Naturalismus der Figurendarstellung, der bis in die Runzeln und Haarspitzen reicht und doch malerisch empfunden ist. Dazu kommen raffinierte Beleuchtungseffekte mit extremen Hell-Dunkel-Kontrasten, die das Pathos des Geschehens erhöhen und Spiritualität vermitteln, sowie eine Verspannung der Figuren im Bildraum. Zentrales Sujet der Ausstellung im Wallraf-Richartz-Museum ist, neben Porträts und einem Stillleben, die biblische Botschaft. Zur Leidensgeschichte Christi tritt die geistige Versenkung der Mönche und Einsiedler. Umfangen von einer dunklen, braun-schwarzen Fläche ist die Haut hell beleuchtet und formt sich geradezu plastisch aus. Mitunter schauen die Personen direkt zum Betrachter. Die Darstellung des Lebensalters ist eine besondere Qualität dieser Bilder, die dabei eine tief empfundene Intensität kennzeichnet.

Anlass für diese konzentrierte Präsentation mit vierzehn Bildern auf Leinwand und Papier ist die abgeschlossene Restaurierung des Gemäldes zum Eremiten Paulus von Theben (1647) von Jusepe de Ribera. Es ist erstmals seit Jahren wieder zu sehen. Der nackte Oberkörper des Paulus ragt aus einem Gewand aus geflochtenen Palmblättern empor, welches als das gesehen werden kann, was es ist: schiere, abstrakte Malerei, mit feinem Pinsel aus der gegenläufigen Malbewegung geschaffen. Zugleich sind die Entbehrungen und Selbstgeißelungen des Eremiten, der in die Andacht versunken in seiner Höhle lebt, dem geschundenen Leib anzusehen.

Ein Teil der Bilder sind Leihgaben aus anderen Museen, so Francisco de Zurbaráns sensationelles Bild der Kreuzigung des Christus der Barmherzigkeit (um 1640) aus dem Museo de Bellas Artes in Sevilla. Hier ist das Drama des Leidens und Sterbens als Entrücktheit inszeniert. Das Haupt ist nach unten gesunken, das Kreuz selbst ist in den Mittelgrund und auf die Mittelachse gerückt. Im dunkelbraunen Raum wirkt der ausgemergelte Körper wie in Marmor gemeißelt. Zur stillen Intensität dieses Gemäldes trägt bei, das der vertikale Balken im Farbgrund zu versinken scheint. Als wir in der Ausstellung waren, befanden sich noch zwei Besucher im Saal, die eifrig jedes der Gemälde fotografiert haben. Das ist sportlich: Denn z.B. Zurbaráns Kreuz hebt sich kaum von der dunklen Fläche ab. Diese so feine, im Ton nuancierte Malerei kann nur im Original gesehen werden, und zwar mit den eigenen Augen.

Unter die Haut | bis 24.4.22 | Wallraf-Richartz-Museum | 0221 22 12 11 19

Autor

THOMAS HIRSCH

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