Garküche und Volkskongress

Anna Princeva (Yang-Gui-Fe) träumt vom Dichter Li-Tai-Pe, Foto: Thilo Beu

Garküche und Volkskongress

„Li-Tai-Pe“ an der Oper Bonn

Opernhaus des Jahres: Die Auszeichnung hätte sich Bonn zweifellos verdient. Mit dem Projekt „Focus ‘33“ lenkt die Oper den Blick auf Werke, die nach 1933 oder ab 1945 aus den Spielplänen verschwunden sind, die in der Nazizeit entstanden und erst nach deren Ende uraufgeführt werden konnten. Der Spielplan, den Operndirektor Andreas K.W. Meyer entwickelt hat, ist in Deutschland konkurrenzlos und macht Bonn zur ernsthaften Rivalin der ehrgeizigen Abschieds-Spielzeit von Birgit Meyer an der Oper Köln.

Seit ihrer Uraufführung 1920 gern gespielt, aber nach 1944 verschwunden ist die Oper „Li-Tai-Pe“ des vergessenen Clemens von Franckenstein. Der Freiherr aus dem Fränkischen war zweimal Intendant der bayerischen Staatstheater und ein durchaus erfolgreicher Komponist. 1934 beförderten ihn die Nazis in den Ruhestand. „Li-Tai-Pe“ schwankt zwischen Burleske und lyrischer Erzählung mit ironischem Blick auf Macht und Politik. Wie das historische Vorbild, der im 8. Jahrhundert lebende chinesische Dichter Li Bo, spricht der begnadete Lyriker Li-Tai-Pe gern dem Wein zu, wird von zwei Intriganten bekämpft, die er im Wettstreit um das beste Liebesgedicht vor dem Kaiser aussticht, übersteht auch die Verleumdung, die Braut des Kaisers verführt zu haben, und reist am Ende mit einem Boot in ein Reich der Träume und des Weins.

Adriana Altaras macht daraus eine unentschieden zwischen Bildern des modernen China und lustvoll klischeehaften Chinoiserien angesiedelte Inszenierung. Auf der Bühne Christoph Schubigers wechselt die Unterschicht-Garküche mit den Sitzreihen des Volkskongresses unter Hammer und Sichel. Den Kaiser steckt Kostümbildnerin Nina Lepilina in einen roten Anzug, während vier Mandarine Thermojacken übers altchinesische Gewand ziehen. Entschiedener packt Hermes Helfricht die Musik an: Da klingt zu Beginn die U-Musik der Zwanziger an, aber der Eingangschor tönt richtig modern; später hört man Franckensteins Lehrer Ludwig Thuille in raffiniert gewürzten Harmonien. Das Bonner Ensemble kann sich hören lassen: Mirko Roschkowski ist ein charismatischer Dichter, Anna Princeva bemüht sich um entspannte Lyrismen für ihr melancholisches, auf Li Bo zurückgehendes Lied vom Kormoran. Eine exotische Trouvaille, die wohl mehr über die europäische Bohème als über das alte China erzählt.

Li-Tai-Pe | keine weiteren Termine | Radioübertragung: Sa 13.8. 19.05 Uhr, Deutschlandfunk Kultur | Oper Bonn | 0228 77 80 08

Autor

WERNER HÄUSSNER

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