Fremde Körper

Foto: Michael Maurissens

Fremde Körper

CocoonDance dekonstruieren den Standardtanz

Beide Partner blicken vorwärts und in dieselbe Richtung, wenn sie gemeinsam eine Tanzfigur einnehmen. Die Körperhaltung, die sogenannte Promenadenposition, ist dafür vorgegeben, oft entlang der Geschlechtergrenzen: Der Mann öffnet in die linke, die Frau in die rechte Richtung. Ausgeprägt ist diese Rolleneinteilung etwa im Tango, bei dem der „Herr“ führt und mit seinen Armen den Rahmen vorgibt, in dem sich die Tanzpartnerinnen bewegen können.

Standardtänze wie der Walzer, Foxtrott oder eben der Tango produzieren damit Körperhaltungen, in die die Tanzenden nur noch hineinschlüpfen müssen, womit sie jedoch zugleich gesellschaftliche Dispositionen reproduzieren. Diese traditionellen Darstellungen zu hinterfragen, ist das Motiv von CocoonDance. Theoretischer Ausgangspunkt ist die „Denkfigur des ungedachten Körpers“, die CocoonDance aus Bewegungstechniken entwickelt hat, die nicht dem Tanz entstammen und die auf der Bühne dazu führen, dass eine Version von Körperlichkeit kreiert wird, die vorherrschende Codes und Vorstellungen durcheinanderwirbelt.

CocoonDance ist das Projekt von Rafaële Giovanola und Rainald Endraß. Die Choreographin und der Dramaturg riefen es im Jahr 2000 in Vorbereitung auf ihre Teilnahme am renommierten Theater-, Tanz- und Gesangsfestival in Avignon ins Leben. Sie exerzieren darin den Körper als fremde Entität und eröffnen damit eine neue Perspektive auf die eigene und die fremde Körperlichkeit. Seitdem ihre Compagnie nach Bonn zog, wo sie seitdem im freien Theater im Ballsaal auftritt, hat sie nicht nur knapp 40 Produktionen entwickelt, die auf fünf Kontinenten aufgeführt und auch mehrfach mit Preisen bedacht wurden. Sie unterfüttert die choreographischen Konzepte auch theoretisch mit einem Glossar und einer MoveApp.

Um einer Unterwanderung des Standardtanzes geht es auch in der aktuellen Produktion von CocoonDance, die im Rahmen von „Zehn X Freiheit“ im Ringlokschuppen Ruhr Premiere feiert. Der Titel lautet fast programmatisch: „Standard“. Natürlich wirkt das, was die Compagnie bereits in einem Teaser präsentiert, nicht gerade wie aus dem bewährten Tanz-Repertoire. Die Akteure tapsen auf allen vieren über die Bühne – das Haupt nach unten gestreckt, das Becken nach oben gereckt. Wie aus einer auf den Kopf gestellten Tanzwelt.

Standard | Sa. 30.10. 15 Uhr & So. 31.10. 18 Uhr | Ringlokschuppen Ruhr | 0208 99 31 60

Autor

BENJAMIN TRILLING

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