Flâneusen und Spaziergängerinnen

Mia Göhring und Lea Sauer, Foto: Almuth Kreuz/Sebastian Schütz

Flâneusen und Spaziergängerinnen

Zwei Bücher mit Perspektiven auf das Umherstreifen

Wer flaniert, der geht nicht einfach spazieren. Wer flaniert, der genießt, der schaut, der hat kein Ziel, aber dafür Zeit. Die literarische Figur des Flaneurs ist meist männlich, weiß und flaniert sorglos. Sein Blick auf die Welt ist nicht universell gültig: Gerade stark marginalisierte Gruppen bewegen sich anders durch die Stadt – geprägt durch Grenzen in Form von Verboten, gesellschaftlichen Konventionen oder auch einfach den physischen Gegebenheiten der Stadt.

Die Perspektiven von Frauen, People of Color und queeren Menschen auf Städte zeigt die Anthologie „Flexen. Flâneusen* schreiben Städte“ (Verbrecher Verlag). Viele kurze, stilistisch sehr unterschiedliche Geschichten führen uns von Berlin über Istanbul und Mumbai bis nach Mexiko-Stadt und ins Rotlichtviertel von Amsterdam. Die Anthologie umfasst 30 Erzählungen mit je einer anderen Sicht auf die Welt. Eindrucksvoll erlebt man Ängste und Erfahrungen verschiedener Personen in Form von Kurzgeschichten, Abhandlungen und Gedichten. Die Lektüre regt zum Nachdenken über die Stadt an, durch die man sich täglich bewegt und danach sieht man sie vielleicht mit etwas anderen Augen.

Mit dem Spazierengehen von Frauen beschäftigt sich auch die Kunsthistorikerin und international anerkannte Kunstexpertin Karin Sagner – aber aus einer geschichtlichen Perspektive. Sie erforscht in „Frauen auf eigenen Füßen. Freiheit – Abenteuer – Unabhängigkeit“ (Insel Taschenbuch) die Geschichte der mitteleuropäischen Spaziergängerin. Die schmale Lektüre erzählt diese mit allerhand Beispielen aus der bildenden Kunst, die den eher wissenschaftlichen Schriftstil auflockern. Sagner beschreibt das Spazierengehen als Klassen-, aber vor allem als Genderfrage, gegeben durch die gesellschaftlichen Konventionen der Zeit. Denn Frauen konnten nur eingeschränkt und ausschließlich mit Begleitung spazieren. Das freie Fortbewegen war ein männliches Privileg, das einige Frauen aber in Frage stellten: So erklommen sie zum Beispiel – trotz Ausschluss aus Wandervereinen – schon Anfang des 19. Jahrhunderts eigenständig Berge.

Schriftstücke der Zeit runden die Ausführungen Sagners ab. Eine kleine, schön gestaltete Lektüre, die einen historischen Blick auf das Umherstreifen wirft und zeigt, dass das freie Bewegen auch eine Erfahrung des Selbst und der Welt ist.

Özlem Özgül Dündar, Mia Göhring, Ronya Othmann, Lea Sauer (Hg.): Flexen. Flâneusen* schreiben Städte | Verbrecher Verlag | 272 S. | 18 €

Karin Sagner: Frauen auf eigenen Füßen. Freiheit – Abenteuer – Unabhängigkeit | Insel Tb | 143 S. | 14 €

Autorin

Katja Egler

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