Flächendeckende Piktogramme

Keith Haring drawing on glass, 1985, Foto: © Muna Tseng Dance Projects, Inc.

Flächendeckende Piktogramme

Keith Haring in Essener Museum Folkwang

Ach ja. Das Strahlende Baby. 1984 bei Paul Maenz in Köln. Eigentlich hat es uns fast vier Jahrzehnte begleitet, hängt immer noch als Magnet an der Kühlschanktür. Wer hätte damals ahnen können, welche Kunstaktie da so richtig bunt an uns vorüberzog. Die beiden Türen von damals hängen nun schlicht gerahmt im Folkwang Museum. Angeblich soll es ja noch eine abmontierte bemalte rheinische Raststättentoilettentür in Sammlerhand geben. Egal, Keith Haring hat jede Retrospektive, ob in London oder Essen, längst verdient, wenn mich auch die Mundschutz-Warteschlangen vor der Kasse etwas nervös machen. Das Devotionaliengeschäft mit Tüten, Taschen, Uhren hat schon was Merkwürdiges, wenn man die tiefe Bedeutung hinter einigen Piktogrammen kennt.

Kunst sei für jedermann

Nach Betreten der heiligen Hallen – leise höre ich von irgendwoher Devo – erschlägt das bunte Angebot für die Augen erst einmal. Hier ein Video, dort ein Schwarzlichtraum, ganz hinten das monströs lange Querformat „The Matrix“ (1983, Sumi auf Papier, 182,9 x 1521,5 cm). Längst hatte da der heiß laufende internationale 1980er-Kunstmarkt seine Zeichnungen von New Yorker U-Bahnschächten auf wertvolles Bütten mit japanischer Tinte gelenkt, längst war Haring kaum noch zu bezahlen, für Betuchte machte er sogar Nobelkarossen zu Kunstwerken. Dennoch blieb sein Anspruch: Kunst sei für jedermann und -frau.Das versuchte er mit seinem „Pop Shop“, wo er Auflagenobjekte für wenig Geld unter die Leute streute. Aber er wollte noch mehr, seine Arbeiten hatten meist einen gesellschaftlichen Background und wetterten damals friedlich gegen Homophobie, Rassendiskriminierung und Atomwaffen, wie mit seinem zweiteiligen „Poster for Nuclear Disarmament“ (Offsetlitho, 1982). Gerade diese kleinen Werke für sein Wirken als Aktivist im ruhelosen Big Apple sind tief ins Bewusstsein der echten Liebhaber eingedrungen, die riesigenEyecatcher dienen dabei als neuronale Knotenpunkte. Einen ähnlichen Weg des positiven Polit-Aktivismus bestreitet gerade Streetart-Künstler Banksy, der diese Keith-Haring-Retrospektive mit Sicherheit vorher in der Londoner Tate gesehen hat. Niemand sollte sie in Nordrhein-Westfalen verpassen. Auch wenn nur wenige Strahlenbabys zu finden sind.

Keith Haring | bis 29.11. | Museum Folkwang, Essen | 0201 884 50 00

Autor

PETER ORTMANN

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