Familie im schwarzen Loch

„Tod eines Handlungsreisenden“ Foto: Tommy Hetzel

Familie im schwarzen Loch

Rafael Sanchez inszeniert Arthur Millers „Tod eines Handlungsreisenden“

 

Home is where the heart is – und das Herz liegt auf dem Küchentisch. Willy Loman öffnet es gleich in der ersten Szene und seine Frau Linda darf zuschauen. Absencen habe er auf der Autofahrt gehabt, es nicht geschafft, umkehren müssen und keinen Cent verdient. Zärtlich hält er Lindas Hand, offenbart sich selbst in all seinem Elend – nur um plötzlich in den Überlebensmodus zu switchen. Und dann dröhnt der Selbstverstärkungsgenerator: Die alten Erfolge, die Kunden, die Treue zur Firma, die grandiosen Söhne Charlie und Biff, ihre Zukunftsaussichten – das ganze Panoptikum des amerikanischen „pursuit of happiness“.


Rafael Sanchez wurde 1975 in Basel geboren. 2003 bis 2006 ist er Hausregisseur am Theater Basel, danach arbeitet er freiberuflich u.a. am Düsseldorfer Schauspielhaus, in Berlin, Zürich und Hannover. Von 2008/09 bis 2012/13 leitete er gemeinsam mit Barbara Weber das Theater am Neumarkt in Zürich. Seit der Spielzeit 2013/14 ist er Hausregisseur am Schauspiel Köln.
Foto: Sandra Then

Willy Loman, die Hauptfigur in Arthur Millers 1949 geschriebenem Stück „Tod eines Handlungsreisenden“ war ursprünglich als Inkarnation des gescheiterten amerikanischen Traums gedacht, in dessen wirtschaftlichen Scheitern auch die ideologische Bankrotterklärung aufgehoben war. Martin Reinke im schlabbrigen grauen Anzug legt in Rafael Sanchez‘ Inszenierung am Schauspiel Köln noch eine andere Facette dieser Figur offen: Willy Loman leidet an einer manifesten Borderline-Störung, die untrennbar mit dem kapitalistischen System verbunden ist. Bruchlos gleitet er von Selbstidealisierung zur Selbstdemontage, die Erkenntnis des eigenen Versagens und die Überschätzung eigener Fähigkeiten bedingen sich geradezu. Martin Reinke spielt das mit einer stupenden Virtuosität, kippt vom Überschwang in Wehleidigkeit, lässt seine Stimme blöken und gebrochen stolpern – begleitet von den einsamen Trompetenklängen von Pablo Giw.

So wahnhaft Lomans Zustände sind, sie haben sich auch in den Familienverband hineingefressen. Birgit Walters Linda ergibt sich ihrem Mann in Ko-Abhängigkeit. Allen Demütigungen zum Trotz fungiert sie als Schutzschild, als Löwin der Willy-Festung. Die Lügenkonstrukte hat sie genauso internalisiert und durchschaut wie die Söhne. Der bärtige Happy (Thomas Müller) hat als Angestellter immerhin ein Auskommen, Lieblingssohn Biff (Seán McDonagh) dagegen ist nur ein Loser und Dieb – beide kleben jedoch am Familienverband fest und haben sich in ihrer Infantilität wohlig eingerichtet. Wenn Linda sie kritisiert, heulen sie im gleichen Tonfall melodramatisch auf und mutieren allmählich zu identitätslosen Zwillingen in den gleichen Klamotten.

Die Erklärung für die desolate Familiensituation liefert das konzentrierte Bühnenbild von Thomas Dreißigacker. Ein Tisch und vier Stühle stehen in der Mitte des Depot 1, darüber erhebt sich ein mächtiger Lichtschacht. Der restliche Bühnenraum versinkt in Schwärze. Es geht um die von jedem gesellschaftlichen oder staatlichen Umfeld losgelöste bürgerliche Familie. Sie erscheint wie das letzte Residuum innerhalb eines schwarzen Lochs, das an Margret Thatchers berühmtes neoliberales Diktum „There is no such thing as society“ denken lässt. Wenn es keine Gesellschaft gibt, dann ist das Individuum und die Familie der Schlüssel zu allem. Zu Erfolg wie zu Versagen. Dieses Residuum ist allerdings bedroht: Die Bühne im Depot ist ein paar Zentimeter unter Wasser gesetzt. Tritt und Grund sind unsicher.

Rafael Sanchez‘ Inszenierung balanciert geschickt ihre künstlerischen Mittel aus. Die symbolisch-formale Strenge der Bildlösung wird mit einer wohldosierten Ironie gekontert. In der berühmten Erinnerungsszene, wenn Biff seinen Vater in Boston bei einem Seitensprung erwischt, wird sein Klopfen an der Tür zum Dröhnen: Als ob der Komtur in Mozarts „Don Giovanni“ Einlass begehrt, während Willy sich mit seiner Geliebten (Ines Marie Westernströer) im Wasser wälzt. Dessen Bruder Ben (Benjamin Höppner) wiederum, der mit zwielichtigen Geschäften reich geworden ist, wirkt mit langen Haaren und hellen Klamotten wie eine neomythisch-ironische Figur aus einem Film der Coen-Brüder. Umso mehr, wenn er am Ende wie der leibhaftige Tod Willy bei seinem als Versicherungsfall getarnten Selbstmord berät. Mitleid mit dem krankhaft beratungsresistenten Helden ruft diese Entscheidung nicht mehr hervor. Die Regie hat sie uns mit ihrer eindringlich zwischen Psychologie, Symbolik und Ironie changierenden Deutung restlos ausgetrieben.

„Tod eines Handlungsreisenden“ | R: Rafael Sanchez | 5., 8., 20., 23., 26.4. 19.30 Uhr | Schauspiel Köln | 0221 22 12 84 00

Autor

HANS-CHRISTOPH ZIMMERMANN

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