Exo-Dimensionen der Sichtweise

Das gebärende Hybridwesen auf dem rostigen Stahl, Andreas Schmitten, Geburt (2021), Foto: Michael Richter

Exo-Dimensionen der Sichtweise

Andreas Schmitten im Skulpturenpark Waldfrieden

Der Skulpturenpark Waldfrieden in Wuppertal bietet noch bis zum Jahreswechsel ein wunderbares Kontrastprogramm zwischen blutigen Torinstallationen und klinisch reinen Skulpturen. Wer nach den roten Exzessen von Anish Kapoor auf gewundenen Pfaden gen Himmel gewandert ist und hier und da schon Metallisches wie Tony Craggs „Sinbad“ (Bronze, 2003) oder Markus Lüpertz´ „Paris ohne Arme“ (Bronze, 2000) entdeckt hat, der erreicht endlich die obere Ausstellungshalle mit den Arbeiten von Andreas Schmitten. Die erste heißt „Immaterielles“ – ist auch metallisch (Bronze, Lack Cortenstahl, 2021) – und steht bereits vor dem Gebäude. Was als erstes auffällt: nach Bronze sieht das nicht aus, der weiße Lack umhüllt die Figur mit geschlossenen Augen, deren hohler Körper ein ganz klein wenig surreal an Dalis zerlaufende Uhren erinnert. Fast meditativ ruht die Form in sich, deren Funktionalitäten schier unsicher bleiben.

Dann geht es hinein in die Licht durchflutete Halle. Zwei große Arbeiten dominieren den Raum, die ersten Assoziationen führen zwangsläufig in die kreative Sanitärabteilung. Auch die „Geburt“ (Bronze, Lack Cortenstahl, 2021) in der Mitte erinnert eher an Keramik, denn an Metall – eindeutige Waschbecken-Attribute wie Abfluss und imaginäre Wandhalterung – und erhöhen die erste Wahrnehmung noch. Nur die humanoiden Extremitäten an der gegenüberliegenden Seite sind scheinbar lebensecht figürlich. Ich bin ehrlich, ich konnte es mir nicht verkneifen nach Befestigungspunkten für eine imaginäre Badezimmerwand zu schauen. Ist natürlich nicht vorhanden. Schmitten spielt in seinen Skulpturen mit der Verwirrung von Wahrnehmung, augenscheinlich sind wir nicht mehr in der Lage, Form und ihre Objektivität von der offensichtlichen, uns ausmachenden Konnotation zu trennen. Das gebärende Hybridwesen da auf dem rostigen Stahl muss eingebunden werden in Standards der visuellen Empfindung und genau da beginnt bei Schmitten die Außergewöhnlichkeit eines nicht zustande kommenden authentischen Blicks.

Das Gleiche kann man auch bei „Die Andere“ (Bronze, Lack, Stoff, 2021) nebenan beobachten. Die auch nur scheinbar porzellinen „Zahnbürsten mit Waschbecken“ (so einige Besucher:innen) sind eine Verschmelzung von augenscheinlich nicht kompatiblen Einzelobjekten. Der Künstler schafft so vielleicht auch Hypermodelle für mögliche Artefakte, die von künftigen Generationen interpretiert werden müssen. Eine köstliche Vorstellung, die viel Humor in den Arbeiten, die oft auch keine Dimensionierungen zulassen, mitschwingen lässt. Kein Wunder, dass der Künstler, der einen Magisterabschluss in Philosophie und Kunstgeschichte hat, 2012 mit dem Absolventenpreis der Düsseldorfer Kunstakademie ausgezeichnet wurde und Meisterschüler bei Georg Herold war, danach noch in L.A. (USA) computerbasierte Techniken des Filmemachens lernte, so vom Modellbau fasziniert ist.Niemand sollte sich diese weiße Inszenierung von Wahrnehmung im Wuppertaler Skulpturenpark Waldfrieden entgehen lassen. Besser als weiße Weihnacht.

Andreas Schmitten | bis 1.1.23 | Skulpturenpark Waldfrieden, Wuppertal | 0202 47 89 81 20

Autor

PETER ORTMANN

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