Exaltierte Biedermänner und geldgieriger Brandstifter

„Die Hose“, Foto: Meyer Originals

Exaltierte Biedermänner und geldgieriger Brandstifter

Die neue Intendanz am Theater im Bauturm eröffnet mit Sternheims „Die Hose“

Man trägt jetzt Anzug am Theater im Bauturm. Nicht nur an der Abendkasse, auch die neue Leitung begrüßte persönlich im feinen Zwirn. Man kann das als neubürgerlichen Stil der freien Szene, aber auch als ironischen Vorgriff auf die Eröffnungspremiere deuten. Intendant Laurenz Leky jedenfalls sang in seiner Begrüßungsrede ein ziemlich nassforsches Loblied auf die Aktualität von Carl Sternheims „Die Hose“, dem ersten Stück aus dem Zyklus „Aus einem bürgerlichen Heldenleben“ über den Aufstieg eines Kleinbürgers zum entfesselten Kapitalisten. Ein Zyklus, der allerdings weniger wegen seiner Kritik an kleinbürgerlichem Populismus, sondern eher wegen seiner Analyse ungehemmter Profigier, die bis ins Private reicht, immer häufiger auf den Spielplänen auftaucht.

Im Haushalt des Beamten Theobald Maske herrscht Ausnahmezustand. Ehefrau Luise hat bei einem Festzug des Kaisers ihre Unterhose verloren und für einen vermeintlichen Skandal gesorgt. Glaubt zumindest der Hausherr und prügelt sie mit dem Rohrstock durch. Bei Sebastian Schlemmers Theobald wirkt das aber eher putzig als brutal. In blauem Zweireiher und mit halblangen Haaren gibt er sich ganz seiner Hysterie angesichts des Unterhosengaus hin. Das Über-Ich tobt und sieht politische, moralische sowie karrieristische Ordnungen bedroht. Ehefrau Luise (Susanne Meyer) in weißem Rock, beigefarbener Bluse, aber gefährlich roten Strümpfen (Kostüme: Lisa Weinbrecht) ist dagegen ein unterwürfig-naives Heimchen am Herd mit unterschwellig tobenden Begierden – denen aber erst Nachbarin Deuter auf die Sprünge hilft. Lisa Bihl gibt sich im wadenfreien Hosenanzug als lesbisch angehauchte Jungfer, die auf delegiertes Genießen setzt, wenn sie Luise Erzählungen über angebliche Seitensprünge abverlangt – nur um dann mit Theobald ins Bett zu gehen.

Regisseur Thomas Ulrich setzt zunächst auf eine boulevardeske Komik mit grotesken Tupfern, die aber nie die Bodenhaftung verliert. Den typenhaft-flachen durchgeknallten Figuren Sternheims, die in Matthias Demmers Bühne mit ihren schwarzen Stellwänden, Scheibenelementen ohne Tiefe aufgegriffen scheinen, wird eine vermeintliche Hintertür offen gelassen. Die Regie bewahrt sich damit Steigerungspotential für die Untermieter Scarron und Mandelstam. Der heuchlerische Witz des Stücks besteht darin, dass Theobald schnell erkennt, wie sich aus dem Skandal seiner Frau Kapital schlagen und erotische Unterdrückung in bare Münze umsetzen lässt. Der nietzscheanisch schwadronierende Beau Scarron und der Friseur und Wagnerapologet Mandelstam lockt die Unterhosen-Verheißung und sie mieten sich zu horrenden Preisen bei den Maskes ein. Vor allem Jean-Paul Baeck im weißen Anzug zieht alle Register des Grotesken, chargiert und schnöselt seinen Übermenschenapologeten und schleimigen Seitensprungaktivisten virtuos dahin, schreibt mitten in der Verführung seine Formulierungen in einem Notizbuch nieder und wendet sich schließlich als erotischer Samariter einer Prostituierten zu. Hendrik Vogt als Mandelstam dagegen mimt den kunstliebenden, kränkelnden Arbeiter, der krampfhaft seine Hosen festhält und seine Hypochondrie als Verführungsstrategie einsetzt. Doch je exaltierter die beiden Biedermänner, desto „normaler“ wirkt der kapitalistische Brandstifter Maske mit seinem phrasenhaften Nationalismus, seinem Antisemitismus und seinen brutalen Manipulationen. Dass er im Programmheft als Exponent für den „Wunsch nach einfachen Antworten“ gedeutet wird, löst die Regie allerdings nicht ein. Maske ordnet letztlich alles, ob Politik, Moral oder die Ehe seiner gewinnmaximierenden Profitgier unter: Scherzhaft dient er Scarron und Mandelstam sogar seine eigene Frau an. Schließlich vermietet er ein Zimmer sogar doppelt, nämlich zusätzlich an einen namenlosen Herren, der als bedrohliche Stimme aus dem Off auf kommende Katastrophen vorausweist. Thomas Ulrichs Inszenierung klopft am Ende immer wieder unsinnigerweise an die Tür des Psychologischen (vor allem bei Luise) und macht es sich mit ihrer allzu fein abgeschmeckten Groteske und boulevardeskem Witz etwas zu leicht.

„Die Hose“ | R: Thomas Ulrich | 6., 7., 27., 28.10. 20 Uhr | Theater im Bauturm | 0221 52 42 42

Zur Person
Thomas Ulrich ist freier Regisseur, Schauspieler und Dozent sowie künstlerischer Leiter des Performance-Netzwerks Acting Accomplices. 2014 erhielt er für seine Inszenierung von „Der Freund Krank“ den Kölner Theaterpreis.

Autor

HANS-CHRISTOPH ZIMMERMANN

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