Es gibt kein Leben vor der Fleischerei

Zuletzt in London verdreckt und bitterarm, aber wenigstens eine Lulu mit Hemdchen, Foto: Birgit Hupfeld

Es gibt kein Leben vor der Fleischerei

Nackt und bloß? Von wegen. „Lulu. Eine Mörderballade“ in der Oberhausener Inszenierung des Belgiers Stef Lernous – Auftritt 0216

Vor den dreckigen, blutbeschmierten Fliesen lauern die Hunde auf ein paar Knochen. Die Tore der Hölle sind weit geöffnet, heraus strömen die Dark Angels der Nacht. Partytime im Theater Oberhausen. Die belgische Regie-Avantgarde hat das Haus übernommen und in eine abgefuckte Fleischerei verwandelt. Hier wird, so scheint es, Frank Wedekinds „Lulu. Tragödie in 5 Aufzügen mit einem Prolog“ direkt ausden Köpfen der damaligen perversen bürgerlichen Scheinmoralisten auf die Bühne gesendet. Noch ducken sich dort alle Hunde unter den Äxten der Kopfschlächter, doch ein paar Fleischfetzen werden schon übrig bleiben. Regisseur Stef Lernous, mit eigenem Schlachthof-Theater im belgischen Mechelen, ist bekannt dafür, niemanden verhungern zu lassen. Objekt der Begierde ist die junge Lulu, nackt, aufreizend schön. Schnell wissen die Hunde nicht wohin mit ihren Trieben, das wahre, wilde, geile Tier macht mit ihnen, was sie will, der erste Zuhälter/Vater Shig (immer präsent und ständig gesangsstark: Susanne Burkhard) schlägt Kapital daraus – mit dünner Rechtfertigung in einem Song von Martyn Jacques von den britischen Tiger Lilies, die auch ihre eigene „Mörderballade nach Wedekind“ 2014 bei den Opera North Projects in Leeds uraufgeführt haben. Eine Oper ist das Auftragswerk beileibe nicht, nennen wir es lieber blutige Dauer-Erektion mit 18 JazzKlezmerBlues-Stücken, deren Text die Wedekind-Geschichte verkürzt (mit deutscher Übertitelung) transportieren, aber darum geht es natürlich auch nicht. Lernous interessiert einzig und allein Lulu, das außerordentliche, getriebene Trieb-Wesen, das kämpft, liebt, mordet, heiratet und doch immer auf der Suche nach dem nächsten Ausweg ist.

Seit Rammstein wissen wir, dass der Wahnsinn nur eine schmale Brücke ist, in Oberhausen wurden dafür ganze Rampen zwischen Vernunft und Trieb gebaut. Shunning (groß: Michael Witte, eher Hunne als Wedekinds Chefredakteur) holt Lulu Lachgas schmauchend aus dem Milieu und verkuppelt sie mit dem perversen Medizinalrat Dr. Goll (groß: Torsten Bauer als bunte Version von Dr.Frank N. Furter), der wiederum schickt sie zu dem Künstler Schwartz (Elke Weinreich), der sie manisch portraitiert, ihr genaues und aufs Wesentliche reduzierte Abbild (wie könnte es anders sein: natürlich Gustave Courbets „Ursprung der Welt“) wie einen Stagediver durch das Publikum schickt (und das funktioniert auch!), ihr verfällt, von ihr verführt, was Frank N. Furters Herz versagen lässt, bevor er per Künstlerselbstmord als zweite Leiche oben in der Fleischerei landet. Die Pforten der Hölle sind immer noch offen, die teils feuchten bis atemlosen Bilder die Lernous mit seinem Regie-Stab und den singenden Schauspielern da liefert, sind grandios, kommen wir endlich zu Lulu.

Nackt und bloß steht, liegt, rennt sie da über die Bühne. Doch wie Laura Angelina Palacios das da ungezügelt und doch unaufgeregt transportiert, ist schwer zu beschreiben, so toll ist das. Sie scheint sich lustig zu machen über die Dummheit und Geilheit der Männer (die lesbische Gräfin Geschwitz war wohl irgendwie überflüssig, oder war sie Moritz Peschke als Alwa im Kleid?), und sie genießt die Dauer-Techtelmechtel wie ein hungriger Blutegel. Aber nackt und bloß? Von wegen. Die Kunst bestand eigentlich auch darin, eine quasi selbstbestimmte Lulu zu kreieren, die zwar gebraucht, missbraucht, aber nicht als Opferlamm missverstanden werden will. Und das schafft Laura Angelina Palacios frontalnackt grandios. Shunning ist der dritte Tote für die Fleischerei. Sein „Kill youself“ war für Lulu keine Option, da muss besser „der geile Hunne“ dran glauben, auch wenn das Gefängnis heißt.

Im letzten Teil (jetzt sind wir bereits in Wedekinds: „Die Büchse der Pandora“) muss Lulu nach der Befreiung und kurzem schönem Leben (Wedekind) in Paris, wieder in London anschaffen gehen, um zu überleben. Ihre Begleiter werden gemordet. Alles ist dreckig, übel, selbst die Zombie-Toten spielen jetzt lieber Schaf. So come and pray, Jack. Das Sextett unter Leitung von Otto Beatus wechselt zum Blues. Hey, Jack the Ripper, Erlöser der Hure, heaven or hell? Ja, Lulu ist tot, blutüberströmt liegt sie da und Jack putzt penibel die versiffte Schräge. Burn in hell? Ich denke nicht. „My heart belongs to Daddy, ‘cause he treats me so good“, singt die tote Lulu. Na wenn das kein Schlussplädoyer ist.

„Lulu. Eine Mörderballade“ | Fr 5.2., Sa 13.2., Sa 5.3., Sa 12.3. 19.30 Uhr | Theater Oberhausen
0208 857 81 84

Autor

PETER ORTMANN

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