Erkaltetes Fegefeuer im Nirgendwo

„Gift. Eine Ehegeschichte“, Foto: Christoph Sebastian

Erkaltetes Fegefeuer im Nirgendwo

„Gift. Eine Ehegeschichte“ von Lot Vekemans im Wuppertaler Theater am Engelsgarten
– Auftritt 03/16

Das Publikum im Theater ist eine dunkle amorphe Masse, da wird hier und da geraschelt, da wird gehustet, mal leise getratscht. Das ist im Wuppertaler Theater am Engelsgarten nicht anders, vielleicht werden hier sogar mehr Hustenbonbons wie immer lautlos entwickelt als anderswo. An diesem Abend herrschte aber Totenstille, mehr als eine ganze Stunde. Das lag nicht nur am klinisch reinen Bühnenbild einer Friedhofshalle, wo nur der Totengräber gerne wartet. Es lag an „Gift. Eine Ehegeschichte“, dem Kammerspiel der Stille von der niederländischen Autorin Lot Vekemans. Das wurde 2009 in Gent uraufgeführt und wird seitdem weltweit gespielt. In 16 Sprachen ist es bereits übersetzt, selbst eine Übersetzung ins Chinesische soll gerade in Arbeit sein. Darin treffen zwei Menschen nach einem Jahrzehnt wieder zusammen, deren beider Leben von einem gemeinsamen Schicksalsschlag aus der Bahn geworfen wurde und deren Wege danach in unterschiedlichen Bahnen weitergelaufen sind. Die zwei überaus tief verletzten Seelen versuchen nun in der steinernen Sterilität dieser niederländischen Friedhofshalle ein gemeinsames Vokabular wiederzufinden, das den damaligen Kometeneinschlag auf ihrem Planeten beschreibt und die Folgen erklärt. Vekemans hat ihren Protagonisten keine Namen gegeben. Sie (Philippine Pachl) verlor damals nicht nur ihr Kind, sie verlor daraufhin sich selbst und als Folge ihren Mann (Thomas Braus), der sie am Silvesterabend vor dem Millenniumswechsel verließ und Jahre später in Frankreich eine neue Familie gründete. Die Trauer hörte für sie niemals auf, dennoch müssen sich die beiden nun wieder treffen wegen dem Gift im Boden auf dem Friedhof, wo der Sohn Jacob begraben ist und dessen Grabstelle nun umgebettet werden soll. Und Sie weiß nicht von Seiner neuen schwangeren Frau.

Der niederländische Regisseur Jos van Kann hat die Geschichte in Wuppertal inszeniert, gradlinig, ohne Schnörkel, auch ohne ein bedeutungsschwangeres Bühnenbild wie fast genau vor einem Jahr etwa im Bochumer Schauspielhaus mit der stoffbehangenen Sarg-Installation von Ricarda Beilharz. Was Jos van Kann nutzt, und das konsequent, ist die Spielfreunde von Philippine Pachl und Thomas Braus, die das Publikum geräuschlos werden lässt. Alles fängt distanziert an, man versichert sich der Notwendigkeit des Zusammentreffens, man befragt sich höflich, klammert die Vergangenheit aus. Immer mehr Zeit vergeht, nichts passiert. Nebel wabert ein wenig. Man ahnt, dass irgendwas nicht stimmen kann. Er merkt das auch. Will telefonieren, kein Anschluss. Er muss tun, was er eigentlich nicht will, er fühlt sich verpflichtet. Braus spielt das überaus wirkungsvoll. Er hat Geheimnisse, eine schwangere Frau und nie erklärt, warum er damals gegangen ist. Sie versucht ihn irgendwie auf ihre Umlaufbahn zu bringen. Doch sie prallen immer häufiger aneinander: „Ich rede von Jacobs Umbettung, du redest von den Kosten!“, wirft sie ihm vor, ihre Trauer scheint grenzenlos, sie ist allein damit. „Leiden macht süchtig, findest du nicht auch?“ Er versucht sich dem aufziehenden Drama zu entziehen. Längs herrscht wieder Fremdheit, die keine Versöhnung zu erlauben scheint. Auch seine neue Beziehung in Frankreich (also weit weg) trägt dazu bei.

Fast zwangsläufig beginnt es zu regnen. Er geht, sie verzweifelt, er kehrt zurück. Er hat sie nicht wegen mangelnder Liebe oder einer anderen Frau verlassen, er konnte die totale Fixierung auf ihre Trauer nicht mehr ertragen, das machte ihn aggressiv und er ging, um sie zu schützen. Das war für sie neu, zaghaft bewegen sich die zwei bei Käse und Wein aufeinander zu. Ihre Sprachen nähern sich. Sie ist unabhängig, trauert aber immer noch, er hatte sich neu eingekapselt und lässt das Geschehen wieder an sich heran. Nicht ohne sich die nächste Zigarette anzuzünden. Die aufregendste Choreografie dabei sind die Damen, die mucksmäuschenstill zur Toilette huschen. Die letzte Umarmung ist die schönste. Wie hast du das gemacht mit Schreiben zur Umbettung?, fragt er da noch fast grinsend und bestätigt die Leere. „Ich würde mich freuen, ab und zu von dir zu hören“, sagt Sie. „Ich auch“, erwidert Er. Mehr Himmel wird es nicht mehr geben auf diesem alten Friedhof.

„Gift. Eine Ehegeschichte“ | R: Jos van Kann | Sa 5.3., Fr 18.3. 19.30 Uhr, So 6.3., So 20.3. 18 Uhr
Theater am Engelsgarten Wuppertal | 0202 563 76 66

Autor

PETER ORTMANN

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