„Eine Mischung aus Komik und politischer Ernsthaftigkeit“

Moritz Peters, Foto: privat

„Eine Mischung aus Komik und politischer Ernsthaftigkeit“

Regisseur Moritz Peters zu „Biedermann und die Brandstifter“

trailer: Herr Peters, warum denn den Biedermann?
Moritz Peters: Zunächst ist es ein Stück der Stunde – aufgrund des Wiederaufstiegs radikaler Gedanken in mittlerweile fast allen europäischen Ländern und einer gewissen Lethargie der politisch und gesellschaftlich etablierten Schichten. Biedermann und die Brandstifter machen viele Theater, das Schauspiel Essen holt das ja jetzt nicht aus der Versenkung. Was mich persönlich an dem Stoff interessiert, ist – das können vielleicht auch nur die Schweizer – diese seltsame Mischung aus Komik und absoluter politischer Ernsthaftigkeit, dazu diese Parabelhaftigkeit. Die versuche ich auch in der Inszenierung herauszukitzeln.

Wie gefährlich ist denn diese falsch verstandene Rolle eines Menschenfreundes?
Sehr gefährlich. Darüber haben wir während der Proben sehr viel nachgedacht und geredet. Ich bin mir gar nicht so sicher, ob der Humanismus tatsächlich die eigentliche Gefahr darstellt oder, ob nicht der nur vorgespielte Humanismus von Biedermann die Gefahr ist. Die Gefahren für die Gesellschaft, dass radikale Strömungen wieder erstarken – ich glaube, dass Biedermann sich das selbst immer wieder nur vormacht, einredet, und dass er das gern wäre, aber aufgrund dessen nicht ist. Als Geschäftsmann ist er radikal, eiskalt und lässt Leute über die Klinge springen, deshalb hat er am Anfang Sympathien für die radikalen Figuren. In der Bekämpfung des Radikalen setzt er auf radikale Mittel. Auch, wenn er es nur auf Stammtischreden sagt, sagt er: Aufhängen sollte man die alle. Das ist eine These, die ich als demokratiefeindlich einstufen würde. Es ist ein spannendes Stück, weil die Konflikte nicht schwarz-weiß gemacht werden, aber es ist sicher nicht so, dass der Humanismus zum Untergang führt. Das ist eine große Gefahr des Stückes, das falsch zu verstehen. Wenn man es böswillig interpretiert, kann man natürlich sagen, der Humanismus ist zu schwach gegenüber den radikalen Kräften.

Zur Person:
Moritz Peters
, geboren 1981 in den USA, schloss 2005 sein Schauspielstudium an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt ab. Anschließend war er Ensemblemitglied des Schauspiels Frankfurt und des Zimmertheaters Tübingen. Seit 2013 ist Moritz Peters als freischaffender Regisseur tätig. „Biedermann und die Brandstifter“ ist bereits seine fünfte Arbeit für das Schauspiel Essen. Foto: privat

Belastet uns denn heute tatsächlich auch unser Wohlstand?
Ich würde sagen, nicht der Wohlstand an sich, aber die Besitzstandswahrung. Das bürgerliche Mittelklasse-Ideal des: „Es muss jetzt so bleiben wie es ist und für die Kinder muss es dann immer nach oben gehen.“ Mittlerweile dürfte das angekommen sein, dass es so nicht funktionieren kann. Aber die Besitzstandswahrung des Status quo, die ist sicherlich eine Gefahr dafür, sich offen auf Neues einzulassen. Das ist im Biedermann angelegt.

Klammheimliche Sympathie für rechtes Gedankengut – ist das ein immanentes deutsches Problem?
Interessante Frage. Ich glaube, dass der Wille darüber hinwegzusehen bei den Deutschen immer da ist, er ist immanent, vielleicht verdrängt. Aber es gibt auch viele, zu Recht, die versucht haben, sich anders zu positionieren. Und wie das dann eben ist, wenn die Mehrheit eine bestimmte Meinung propagiert, dann halten sich diejenigen, die sich nicht für die Mehrheit halten, aber anders denken, erstmal zurück und das ist im Falle der rechtsradikalen Strömungen auch gut so. Das wird immanent immer in der Gesellschaft vorhanden bleiben. Aber nicht nur speziell in der deutschen. Dass das Rechtsradikale so offen jetzt wieder ausbricht, hat damit zu tun, dass es sehr lange nicht thematisiert und ernst genommen wurde. Anders als in anderen Ländern, wo es immer wieder auftauchte. In Italien und Frankreich ist der Rechtsradikale immer wieder aufgetaucht.

Beim Theaterpublikum ist das ja eigentlich anders, eigentlich möchten die doch ständig auf die Bühne springen und schreien…
„Halt“ oder „Stopp“? Oder „Sag mal was“. Ja, das wäre gut. Gleichzeitig ist es ja auch gut, wenn man dem Publikum in Brecht’scher Tradition vorführt, warum es nicht „Halt“ ruft und warum es nicht „Stopp“ ruft und es dadurch erkennen zu lassen, wo es das vielleicht doch machen müsste.

Kann man das Stück immer nur als schrille Groteske inszenieren?
Nein. Aber ich glaube, dass das Planspielhafte daran etwas mit dem Grotesken, mit dem Schrillen der Figuren zu tun hat. Bis auf den Biedermann sind die anderen Figuren zumindest zur Hälfte auch Funktionsträger einer für den dramaturgischen Verlauf des Stückes notwendigen Haltung. Biedermann ist, würde ich sagen, wirklich die einzig in sich gebrochene Figur, Babette ein bisschen. Aber letztlich ist die einzige psychologisch konturierte Figur Gottlieb Biedermann. Insofern hat das was mit der schrillen Groteske für mich zu tun.

Biedermann und die Brandstifter“, Foto: Martin Kaufhold

Spielt die Inszenierung in der Gegenwart?
Ich arbeite immer mit überzeitlichen Ästhetiken, das Gedachte muss immer von heute kommen, sonst interessiert es nicht und ist auch nicht relevant, sonst könnte ich nicht irgendwem sagen, du musst dir das angucken. Aber wir verorten das nicht im Jetzt und Hier, mit aktuellen Zeitbezügen, das mache ich eigentlich nie. Wir haben aber auf einer anderen Ebene der Inszenierung Video-Footage aus der Jetztzeit, auch Zitate, im Stück wird darauf aber nicht eingegangen. Keine der Figuren redet plötzlich über Matteo Salvini, aber man sieht ihn auf dieser anderen Ebene und man hört auch, was die beiden Brandstifter auf einer anderen Ebene von sich geben, eben diese Parallele zur Gegenwart. Die stehen aber mehr in so einem Interferenzmuster zueinander.

Kommen wir noch zum Autor: Wird die Inszenierung ein Nachspiel haben?
Ich finde das Nachspiel ja sehr interessant. Ich würde Max Frisch ja gerne mal fragen, warum er das geschrieben hat, weil es eher so ein Nachklapp ist. Es ist ja auch zwei oder drei Jahre später geschrieben und vieles macht vieles von dem, was vorher so schön offen bleibt, ein bisschen kaputt. Aber die Grundsituation des Nachspiels, die finde ich sehr interessant, dass Babette und Gottlieb sich da nochmal rechtfertigen müssen, im Himmel oder eben in der Hölle, darüber diskutieren sie ja, wo sie sind. Vielleicht ist das für uns auch nochmal eine Form, darüber nachzudenken, ob das Kind heute eventuell schon in den Brunnen gefallen ist und was wir falsch gemacht haben.

„Biedermann und die Brandstifter“ | R: Moritz Peters | 20.(P), 28.9., 2., 4.10. je 19.30 Uhr, 29.9. 16 Uhr | Grillo-Theater Essen | 0201 812 22 00

Interview:

Peter Ortmann

Dieser Artikel erschien auf www.trailer-ruhr.de, lesen Sie weitere Artikel auf www.trailer-ruhr.de/buehne

0