„Eine Leerstelle in der europäischen Demokratie“

Philipp Preuss, Foto: Volker Herold

„Eine Leerstelle in der europäischen Demokratie“

Philipp Preuss über „Europa oder die Träume des Dritten Reichs“ in Mülheim

trailer: Herr Preuss, der Schoß ist fruchtbar noch, heißt es bei Brecht. Wird Europa wieder demokratieresistent?

Philipp Preuss: Genau das ist die Frage. Bei unserem Projekt nach Lars von Trier geht es darum, dass Nazi-Terroristen nach 1945 immer noch an das Dritte Reich glauben. Und das erleben wir ja auch heute wieder, wie der Virus des Nationalsozialismus und Faschismus überall wieder aufkommt. Wir erleben gerade so eine Leerstelle in der europäischen Demokratie, weil Europa an einem Wendepunkt steht.

Nazis und die Pest als ewige Wiedergänger – macht die Dosis nicht das Gift?

Nein, macht es nicht. Das Virus ist ganz klein, kaum zu sehen. Und auch, was im Untergrund schlummert oder wenn man schaut, was bei der Polizei hier in NRW aufpoppt: Es reicht ja schon ein Nazi-Attentäter, der in dieser Ideologie denkt und der Menschen umbringen kann.

Wie Geschichte kommerzialisiert und fiktionalisiert wird“

Wie generiert man das Traumatische, was ja in dem Film „Europa“ eine Prämisse ist, auf der Bühne? Mit Nebel und Musik?

Wir haben genau deswegen Texte aus „Träume des Dritten Reichs“ von Charlotte Beradt hinzugenommen, die in den 1930er Jahren von normalen Bürgern Träume aufgezeichnet hat, die aufgezeigt haben, wie die NS-Ideologie ins Unbewusste vorgedrungen ist und die Träume verändert hat. Ich glaube, an dieses historische Gedächtnis, an das Erinnern kann man andocken bei so einem Theaterabend und die Leute zum Nachdenken anregen.

Zur Person:
Philipp Preuss
(* 1974 in Bregenz) studierte Regie und Schauspiel am Mozarteum Salzburg und arbeitet seit 2001 als freier Regisseur und bildender Künstler. Seine Inszenierungen liefen u.a. am Schauspielhaus Bochum, Theater Dortmund und am Deutschen Theater Berlin. Er wurde 2007 mit dem Förderpreis des Landes NRW und 2012 mit dem Publikumspreis und dem Preis der Jugendjury des NRW-Theatertreffens ausgezeichnet. Foto: Volker Herold

Und wie löst man sich von der filmischen Vorlage?

Wir nutzen das Drehbuch. Und ich fand es spannend, wie die Geschichte immer mehr fiktionalisiert wird. Da ist ein Drehbuch fürs Theater sehr interessant, um zu zeigen, wie Geschichte kommerzialisiert und fiktionalisiert wird. Theater hat da einen großen Pluspunkt, weil es wieder zu einem anderen Diskurs führen kann, dass man wieder darüber nachdenken kann, über Geschichte und die unterschiedlichen medialen Vermittlungsstrategien, über Geschichtsentertainment und Geschichtsschreibung.

Wo kann man denn da die Online-Premiere, gefilmt aus vier Blickwinkeln, verorten?

Die Online-Premiere ist der Quarantäne geschuldet. Ich bin da eh sehr offen, Experimente zu machen. Es kann aber nie das reale Theater ersetzen. Ich sehe das ein bisschen wie alkoholfreies Bier, es ist prickelnd, aber es entsteht kein Rausch. Trotzdem versuchen wir da eben mit vier Kameras eine Online-Streaming-Premiere zu machen. Das ist ein Versuch. Und die reale Premiere soll am 12. Dezember stattfinden – wenn wir dann wieder spielen dürfen.

Ein Abbild unserer derzeitigen Realität“

Gibt es denn auch in der Inszenierung eine filmische, eine Videoebene?

Ja, es gibt eine Videoebene. Wir setzen das eigentlich skulptural ein, als eigenes Element. Konny Keller macht das Video. Es gibt generell mehrere Ebenen – wir versuchen unsere Realität, unsere Gesellschaft, die ja momentan völlig paradox, kafkaesk abläuft, wo ständig mehrere Sachen gleichzeitig ablaufen, zu fassen. Letzte Woche war für uns zum Beispiel – ich komme ja aus Österreich – der Anschlag in Wien, dann war Lockdown, der US-Wahlkampf. Und so soll auch die Inszenierung sein, die soll auf mehreren Ebenen funktionieren und ein Abbild unserer derzeitigen Realität sein. Keine Antwort, wie die Gesellschaft funktioniert, sondern eher eine Frage, ob sie funktioniert. Eine Ist-Zustandsbeschreibung.

Ich denk an Lars von Trier: Wird es denn auch mal hell auf der Bühne?

Das Bühnenbild von Ramallah Aubrecht ist eine Inflation, ein Zug aus Licht. Der Zug spielt im Film eine große Rolle und ich habe den Zug als eine Reise in die Vergangenheit interpretiert. Also tatsächlich wird es sehr hell. Die Bühne besteht nur aus Licht und Kornelius Heidebrecht macht die Musik dazu. Also nicht nur was für die Augen, sondern auch für die Ohren.

Das Theater ist ja auch in einer gefährdeten Lage“

Wen will man im Theater eigentlich erreichen?

Für mich ist das eine einfache Frage. Die Antwort ist: Menschen, Gesellschaft. Theater ist noch ein Ort, wo im Live-Erlebnis ein kollektiver, sozialer Moment passieren kann. Zwischen Schauspieler und Publikum. Das können virtuelle Medien nicht, das kann Film und Fernsehen nicht. Immer in situ, im Moment, entsteht ein politischer Moment. Wenn ein Theaterstück gut ist.

Sitzen denn nicht aber im Zuschauerraum alles Menschen von der richtigen Seite?

Wir leben ja immer mehr in Echokammern, wo jeder nur seine Meinung immer gespiegelt bekommt. Aber so wie wir auf eine dialektische Art und Weise rangehen, gibt es die Möglichkeit, dass man diesen Diskurs auch bei sich selber wieder öffnen kann. Es gilt ja, trotz allen Errungenschaften an Demokratie und an künstlerischer Freiheit, alles immer wieder zu verteidigen. Das hört ja nicht auf. Und Verlust geht ja schneller, als man denkt. Das Theater ist ja auch in einer gefährdeten Lage. Nicht nur wegen Corona, auch ökonomisch. Was da gerade aufpoppt an ökonomischen Richtlinien, was als überlebenswert zählt an kulturellen Einrichtungen und was nicht. Gerade da muss sich das Theater noch offensiver behaupten und in den gesellschaftlichen Diskurs einsteigen.

Kommen wir nochmal zurück zu Lars von Trier: Wird es ein schlimmes Ende nehmen für alle Idealisten auf dieser Welt?

Da kann ich mit einem anderen großen Künstler antworten, mit Heiner Müller, der gesagt hat: Optimismus ist Mangel an Information.

Europa oder die Träume des Dritten Reichs | R: Philipp Preuss | Termine nach Ankündigung | Theater an der Ruhr, Mülheim | 0208 599 01 88

Interview:

PETER ORTMANN

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