„Ein mittelalterliches Splattermovie in 99 Gesängen“

Proben zu „Die Göttliche Komödie“, Foto: Thomas Morsch

„Ein mittelalterliches Splattermovie in 99 Gesängen“

Sebastian Baumgarten inszeniert Dantes „Göttliche Komödie“ – Premiere 04/15

Wie christlich ist es, wenn ein Dichter die Hölle beschreibt und seine größten Widersacher dorthin versetzt? Also wenn zum Beispiel Durs Grünbein sich im Detail ausmalt, wie Clemens Meyer gequält wird? Geschmacklos natürlich. Dante Alighieri hatte da keinerlei Skrupel. In seiner „Commedia“, die immerhin den Beginn der modernen Literatur markiert, tauchen reihenweise malträtierte Zeitgenossen auf. Dante hatte in seiner Vaterstadt zahlreiche Ämter inne. Als der Wind sich 1302 politisch drehte, wurde er verbannt. Im Exil schrieb er dann sein Hauptwerk, die „Commedia“, ein formal durchkonstruierter Durchgang durch Hölle, Fegefeuer und Paradies.

choices: Herr Baumgarten, Dante Alighieri hat, nachdem er aus Florenz verbannt worden war, in seiner „Commedia“ seine Widersacher einfach in die Hölle versetzt. Ist das Werk auch eine politische Kampfschrift?
Sebastian Baumgarten: Für ihre Zeit ist die „Commedia“ unfassbar modern. Dante beschreibt darin immerhin im letzten Höllenkreis, wie er durch den Hintern des Teufels hindurchgeht. Das ist reine Groteske und für das Mittelalter schon deftig. Interessanter aber vielleicht ist daran, dass Dante die drei Stufen Inferno, Purgatorium und Paradies durchschreitet, um sie auf sich selbst umzuschreiben.

Das christliche Ordnungssystem wird für eine persönliche Abrechnung benutzt?
Es gehört schon großer Mut dazu, in einer auf den Handel orientierten, aber immer noch hochreligiösen Gesellschaft, eine Himmels- und Höllendarstellung an sich selbst so anzubinden. Das war damals eine Frechheit. Wir reden hier über 1302 und nicht über die Aufklärung von 1789.

 

Sebastian Baumgarten wurde 1969 in Ostberlin geboren und studierte Musiktheaterregie. Seit 1992 arbeitet er als Regisseur, 1999 wurde er Oberspielleiter für Musiktheater am Staatstheater Kassel, 2003 Chefregisseur am Meininger Theater. 2011 eröffnete er mit Wagners „Tannhäuser“ die Bayreuther Festspiele, und 2013 wurde seine Züricher Inszenierung von „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“ zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Er lehrt Regie in München. Foto: Thomas Morsch

Spielte es da auch eine Rolle, dass die „Commedia“ in italienischer Sprache und nicht auf Latein geschrieben ist?
Das ist ein Aspekt des Volkstheaters in diesem Material: Dante will nicht nur eine bestimmte gesellschaftliche Schicht erreichen, sondern benutzt die Sprache des Volkes. Das ist auch eine politische Entscheidung.

Spielt dieses politische Moment eine Rolle für Ihre Interpretation?
Wir haben uns die Frage gestellt, was wir mit den Figuren aus dem Florenz des 14. Jahrhunderts machen, die kein Mensch mehr kennt. Ob man also mit Wikipedia-Erklärungen ständig diesen Höllentrip unterbricht. Wir denken aber, dass sich vieles von selbst erklärt. Bei Francesca da Rimini gibt Dante der Figur des Vergil Erklärungen an die Hand, Sündenfälle wie der Zorn und der Geiz wiederum werden trotz fremder Namen situativ verständlich. Es geht zudem nicht darum, jeden Gesang nachzuvollziehen, sondern die Stationen mit einer bestimmten Überschreibung des Materials auf eine heutige Relevanz hin zu untersuchen. Aber zum Beispiel auch zu verstehen, dass im Mittelalter für die Händler das Fegefeuer erfunden wurde: Sie müssen lügen, um ihre Ware anzupreisen, aber wie geht dann dieser Händler christlich mit der Lüge um? Spannend finde ich außerdem, dass Dante die uns unbekannten Verläufe nach dem Tod beschreibt, von der Hölle bis hinauf zum Läuterungsberg. Der Dichter wird zum Medium, das zwischen mich und das Totenreich geschaltet ist. Doch wenn der Autor das Medium ist, wer spricht dann da eigentlich? Gott? Oder ist das Medium selber die Botschaft?

Dante begegnet auf seinem Trip historisch verbürgten Dichtern, mythologischen Helden, aber auch Figuren aus dem 14. Jahrhundert. Was bedeutet dieser Mix?
Dantes Realität ist eine Mischung aus dem, was wirklich stattgefunden hat, aber auch aus dem Reich der Fantasie. Das wiederum hat viel mit Theater zu tun, was allerdings nicht heißt, dass der Stoff sehr theatralisch ist, sondern eher seine Sprache.

Ein frühes Splattermovie?
Ein mittelalterliches Splattermovie in 99 Gesängen mit drei bis vier unterschiedlichen Bildern pro Gesang. Um die Drastik dieser Bilder darzustellen, würde selbst der Etat der Bayreuther Festspiele nicht ausreichen. Wir versuchen darum, über eine konkrete räumliche Situation und eine Gruppe eine Grundbehauptung zu schaffen, von der die Reise zu diesen verschiedenen Höllenstufen startet und aus der sich diese Bilder generieren.

Dante durchwandert das christliche Ordnungssystem aus Verbrechen, Schuld, Strafe und Belohnung. Doch immer wieder gibt es Stellen, in denen der Erzähler vor Mitleid die Fassung verliert. Ist das ein Zweifel am System der Sünde?
Bei Dante kehrt die Strafe ähnlich wie beim Fliegenden Holländer unendlich wieder. Es gibt das Bild von den Selbstmördern, die keine Leiber mehr haben und durch Zweige sprechen. Ihre Leiber hängen an den Zweigen und sie müssen ewig auf die Leiber zulaufen in dem Wissen, sie nie zu erreichen. Die Unendlichkeit der Strafe ist stärker als das einmalige Vergehen. Den Kern der Hölle macht diese Unendlichkeit aus. Das ist eine kritische Beschreibung und damit eine Kritik am System. Ja!

Gibt es Parallelen zu heute?
Die Situation der religiösen Konkurrenz in einer sich entwickelnden Händlergesellschaft des 14. Jahrhunderts und die heutige säkularisierte Gesellschaft mit ihrer kulturellen und religiösen Vielfalt, dem Nebeneinander von Glauben und Nichtglauben, dem freien Markt spiegeln sich ineinander. Man darf allerdings nicht vergessen, dass Dante damals zur konservativsten Strömung im Streit zwischen den kaisertreuen und päpstlichen Parteien gehörte und seine „Commedia“ durchaus einen christlich-fundamentalistischen Zug besitzt.

Am Ende steht das Paradies. Welche Rolle spielt Beatrice?
Das ist ein angespieltes Ideal wie im mittelalterlichen Minnegesang. Die Liebe zur Frau ist der Motor für einen selbst. Wenn man versucht, das in einen heutigen Begriff von der Liebe zu einem anderen Menschen zu übersetzen, scheitert man.

Interessiert Sie als Regisseur das Paradies überhaupt noch?
Als Dialektiker gewinne ich Bewegung ja erst einmal aus dem Widerspruch und habe daraus dann mit dem Paradies als Aufhebung aller Widersprüche schon ein Problem. Aber es ist albern, sich über so ein Werk zu stellen.

„Die Göttliche Komödie“ | R:Sebastian Baumgarten | 11.4.(P), 12.4. (18 Uhr), 16.4., 18.4., 21.4., 22.4., 24.4. 19.30 Uhr | Schauspiel Köln | 0221 221 28400

Autor

HANS-CHRISTOPH ZIMMERMANN

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