„Ein Mechanismus, der besser ist als der Markt“

Stefan Heidenreich, Foto: Deborah Ligorio

„Ein Mechanismus, der besser ist als der Markt“

Medienwissenschaftler Stefan Heidenreich über das Verschwinden des Geldes als Zahlungsmittel – Thema 02/19 Traumtänzer Sein

choices: Herr Heidenreich, Sie prognostizieren das Ende des Geldes. Sehen Sie oft in ungläubige Gesichter?
Stefan Heidenreich: Wenn ich es versuche zu erklären, stoße ich im Grunde auf drei Reaktionen: die einen verstehen es sofort, die anderen kapieren nicht, worauf es hinausläuft und die dritten meinen, dass es überhaupt keinen Sinn macht. Viele denken erst einmal daran, ich würde das Bargeld abschaffen wollen, was gar nicht der Punkt ist.

Was ist Geld eigentlich?
Geld erfüllt im Grunde drei Funktionen: Es legt einen Wert fest und dient sowohl dessen Bezahlung, als auch Speicherung. Geld ist eine soziale Reaktion zwischen Personen oder Firmen und wenn der eine etwas als Geld akzeptiert, wird es in diesem Moment auch zu Geld. Dann gibt es das staatlich garantierte Zahlungsmittel, dem in der Finanzwelt noch alle möglichen Gelder zugeordnet werden. In dem Moment aber, indem der Staat Zahlungen mit dem staatlich garantierten Geld nicht mehr akzeptiert, haben sie ihre Geldfunktion verloren. Der Begriff des Abschaffens führt die Leute manchmal auf die falsche Spur. Es geht um die Grundfunktion der Ökonomie, was Ökonomie eigentlich macht – und von da aus kommt man leicht darauf, dass Geld vielleicht nicht das beste Mittel ist, um diese Funktion zu erfüllen.

Als Gradmesser für den Wert eines Gutes hat es sich doch eigentlich bewährt.
Diese Vorstellung herrscht heute eben noch vor, dass Güter einen speziellen, festen Wert besitzen, aber de facto stimmt das natürlich nicht. Der Wert ändert sich ständig, schon nach der Tageszeit. Wenn ich morgens gerne Kaffee trinke und abends Bier, hat morgens Bier für mich keinen Wert und abends hat Kaffee keinen. So ändern sich die Werteverhältnisse ganz situativ. Über eine endlose Zeit und den ganzen Planeten hinweg betrachtet, liegt dazwischen irgendwo das, was wir als Preis bezeichnen. Aber anzunehmen, das wäre der objektive Wert, ist Unsinn – es ist vielmehr der Wert, der sich an der Fiktion des Marktes orientiert, die dazu dient, Entscheidungen zu internalisieren: Kann ich das kaufen, oder nicht? Im Grunde geht es darum, diese Entscheidung zu treffen, etwas zu tun und nicht darum, etwas zu bewerten.

Was sind die Nachteile des Tauschmittels Geld?
Der eine große Nachteil besteht darin, dass es sowohl Tauschmedium als auch Wertspeicher ist und damit dazu tendiert, akkumuliert zu werden. Das heißt, die Ungleichheit, diese Tendenz des Geldes, sich alle ökonomischen Formen des Austausches zum Tribut zu machen und in sehr großen Haufen bei sehr Wenigen zu enden, ist in dieser Dopplung schon eingeschrieben. Das ist das eigentliche Problem.

Zur Person:
STEFAN HEIDENREICH (geb. 1965) ist Kunst- und Medienwissenschaftler. Er lehrt an der Universität Köln, der Kunstakademie Düsseldorf und der Universität Basel. Sein Buch „Geld. Für eine non-monetäre Ökonomie“ ist 2017 im Merve Verlag erschienen. Er lebt in Berlin. Foto: Deborah Ligorio

Was könnte an diese Stelle treten?
Es werden wahrscheinlich Prozesse sein, die man als „Matching“ bezeichnet. Matching findet immer dann statt, wenn Dinge verteilt werden müssen. Es geht darum, eine Menge von Gütern einer anderen Menge von Gütern zuzuordnen, das ist im Grunde ganz simple Mengenlehre. Angenommen, ich habe 10.000 Wohnungen in einer Stadt und 12.000 Menschen, die darin wohnen wollen, dann muss ich die eine Menge mit der anderen „matchen“. Auch mit Geld betreiben wir Matching: Wer am meisten zahlt, bekommt die Wohnung, das ist der Marktmechanismus. Mir geht es um einen Mechanismus, der das besser macht als der Markt, etwa indem es nicht darum geht, wer das meiste Geld hat, sondern darum, wer wirklich in der Wohnung wohnen will. Wenn man das Gut Wohnung von seiner optimalen Nutzung her betrachtet, ist das ein sinnvollerer Mechanismus, denn sonst endet sie als Investitionsobjekt – wie etwa in London, wo es Viertel gibt, in denen die Hälfte der Wohnungen leer stehen.

Wie kommen wir dahin?
Ich glaube, auf der einen Seite passiert es ganz von alleine, zumindest teilweise wird der Übergang so ablaufen, dass wir es gar nicht merken. Ich denke, wir sind mehr oder weniger schon auf dem Weg dahin, und gewöhnen uns daran, Entscheidungen nicht nach Geld zu treffen.Und dochwird der Prozess auf der anderen Seite ein großes Problem darstellen, weil die Vermögen der einen aus den Schulden der anderen bestehen – dieses Bild vom Geldspeicher, in dem Dagobert Duck in seinen Münzen schwimmt, vermittelt ein falsches Bild von Reichtum. In dem Moment, in dem Güter nicht mehr über Geld verteilt werden, sind diese Schulden und also auch Vermögen wertlos, das bedeutet, wenn es ein Problem mit dem Übergang gibt, wird es von dieser Klasse kommen, die auf der Einhaltung ihrer Zahlungsaufforderungen pocht. Es erinnert ein wenig an die Sklavenhaltergesellschaften, in denen die alten Sklavenhalter auf die Einhaltung von Frondiensten bestanden. Es wird wohl eine Art Ausgleich gefordert werden, wie beim Britischen Weltreich, das den Familien von Sklavenhaltern Entschädigungen für den Wegfall ihrer ‚Güter‘ zahlte, und das teilweise bis heute noch tut. Wenn es gut läuft, so stelle ich es mir vor, werden die Menschen in Zukunft auf die Geldgesellschaft zurückblicken wie wir auf eine Sklavenhaltergesellschaft.

Können wir diese Entwicklung steuern?
Im Grunde ist das noch derartig Zukunftsmusik, dass man noch nicht genau weiß, wie man es sich wirklich vorstellen und in konkreten Projekten umsetzen könnte. Es kommen immer wieder Leute auf mich zu und fragen, wie man das Ganze umsetzen könnte und ich muss dann zugeben, ich weiß es nicht. Ein erster Schritt wäre wahrscheinlich, einen Standard zu entwerfen, wie es technisch laufen könnte. Wenn man den hat, könnte man eine Community aufbauen, die anfängt, das umzusetzen. Wie schnell das Ganze gehen wird, ist wie die Frage nach den selbstfahrenden Autos: Heute heißt es, in zehn Jahren fahren sie auf der Straße, aber das heißt es schon seit 20 Jahren. Ein Beispiel, wie Systeme aufkommen, in denen die Zuteilung von Gütern nicht mehr nach Bezahlung funktioniert, sondern nach anderen Prinzipien, ist etwa das Social Credit System, das gerade in China entsteht. Das verschafft Zugänge über Reputation, was auch wieder ein Problem ist, weil man für alle möglichen Verhaltensweisen bestraft werden kann und es im Grunde eine Ausweitung der Haftanstalten darstellt. Davon kann man halten, was man will, aber es zeigt, dass Geld als alleiniger Modus der Verteilung bereits zurück gedrängt wird. Das halte ich für unausweichlich.

Was bedeutet eine geldlose Wirtschaft für Gesellschaft und Kultur?
Natürlich würde das unsere Alltagsrealität durcheinander werfen, weil wir es alle gewohnt sind, Geld als das letzte Gesetz des Handelns anzunehmen, und von den Wirtschaftswissenschaften mit ihrem Homo oeconomicus zu hören bekommen, das sei auch richtig so. Ich glaube allerdings nicht, dass mit dem Geld auch die Funktion der Verteilung von Gütern für den sozialen Status abhanden kommt, im Gegenteil. Das kann man sehr schön an der Folge „Nose Dive“ der Serie „Black Mirror“ sehen, in der als Dystopie durchgespielt wird, wie es aussieht, wenn wir alles nur noch über unsere sozialen Medien zugeteilt bekommen. Die Arbeit, die jemand aufwendet, beziehungsweise das, was er zur Gemeinschaft beiträgt, bestimmt die Art des Zugangs, den er sich zur Gemeinschaft verschafft – das wird auch so bleiben. Es geht nicht darum, alle gleich zu machen, in dem Sinne, dass es keine Differenzen mehr gäbe. Ein Ziel wäre es jedoch, die extreme Differenz der Vermögen zu reduzieren – während der eine Teil der Bevölkerung am Existenzminimum lebt, schwelgt ein anderer in absurden Reichtümern, mit denen er im Grunde nichts anzufangen weiß. Da steckt durchaus ein revolutionärer Kampf drin. Was für eine Utopie dabei heraus kommen könnte, kann ganz unterschiedlich sein, aber ich plädiere eigentlich dafür, dass wir über unser alltägliches Handeln wieder politische Entscheidungen treffen und nicht ökonomische.

Wäre eine Welt ohne Geld eine bessere?
Da bin ich mir gar nicht sicher, es könnte auch sein, dass die ganze Sache in eine Art Voll-Überwachung übergeht. Dass Güter geldlos verteilt werden, heißt ja nicht, dass sie gerecht verteilt werden, sondern bedeutet, dass sie von einer Art Kontrollstaat zugeteilt werden, oder noch schlimmer, von privaten Plattformen. Am wahrscheinlichsten ist es zurzeit, dass sich ein mit den schlechten Resten des Kapitalismus ausgestatteter Vollkontrollstaat herausbildet, wie etwa in China, oder meinetwegen auch die USA-Europa-Version plus Monopolplattform. Dahin sind wir ohnehin schon auf dem Weg. In diesem Fall kann es sein, dass das Geld nur sehr langsam verschwindet, oder noch als ein Schatten seiner selbst mit allen möglichen Mitteln am Leben erhalten wird. Das ist die wahrscheinlichste Lösung.

Gibt es auch ein optimistischeres Szenario?
Natürlich ist es möglich, dass sich der politische Freiraum eröffnet, eine gerechtere Gesellschaftsform zu realisieren. Welche das sein könnte, ist mir auch nicht ganz klar. Es gibt einen Text von Keynes, in dem er recht deutlich beschreibt, welche Pathologien mit dem Anhäufen von großen Reichtümern verbunden sind und wie diese verschwinden werden, weil viele Verhaltensweisen, die unter dem Geldregime als normal gelten, sich dann erledigt haben. Das ist eine Utopie, die ich teile, das wäre der optimistischste Ausblick. Es würde auch die Möglichkeit bieten, weitere Verteilhorizonte in den Blick zu bekommen und so etwas wie die Kosten des Klimawandels tatsächlich mit einzukalkulieren. Das wird auf Konferenzen immer gefordert, aber bislang tauchen diese Posten im Wirtschaftswesen überhaupt nicht auf, weil sie die Börsenwerte der Ölkonzerne praktisch vernichten würden. Bei den Klimakonferenzen reden sie über alles mögliche, aber niemand bekommt es hin, das Geld hinter den Ölkonzernen zu adressieren. In einem neuen System hingegen könnte man solche langfristigen Kosten viel transparenter machen.

INTERVIEW:

CHRISTOPHER DRÖGE

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