Durch die Blume

Installation „Discordo Ergo Sum“ von Renate Bertlmann (2019), Foto: Anja Kador, Dortmund Agentur

Durch die Blume

„Flowers!“ in der Kunst ab 1900 im Dortmunder U

Vom Dortmunder U-Turm lockt neben Friedenstauben zurzeit eine digitale Blumenwiese: Adolph Winkelmann hat seine „Fliegenden Bilder“ auf die neue Ostwall-Ausstellung „FLOWERS!“ eingestellt. Auf dem Vorplatz, den monatelang ein Coronatestzelt verunzierte, blühen nun echte Frühlingsblumen. Endlich was Schönes, Buntes, Leichtes in diesen unguten Zeiten, könnte man meinen. Doch schon im Foyer gerät auf Video-Monitoren unter bedrohlichem Getöse Winkelmanns Wiese ins Wanken, kippt weg und verschwimmt. Blumenmotive, so lautet wohl die Botschaft, sind mitnichten nur lieblich und dekorativ, sondern von facettenreicher Symbolkraft. Und daher in der Kunst äußert beliebt. Rund 180 Werke von über 50 Kunstschaffenden hat das Kuratorenteam zusammengetragen – von Malerei der Klassischen Moderne bis Multimedia und KI aus drei Themenfeldern: persönliches Empfinden, gesellschaftspolitische und ökologische Positionen.

Ausgangspunkt war die museumseigene Sammlung. Und so startet der Rundgang mit expressionistischen Blumenstillleben von Nolde, Münter, Beckmann – Rohlfs „Sonnenblumen“ von 1903 ist das älteste Exponat. Unter der Decke hängt dagegen ganz junge Kunst aus Japan, stilisierte Blüten in kräftigem, warmem Orange. Schön. Doch direkt nebenan Claire Morgans Vitrinen mit fragilen Gebilden aus aufgefädelten Pusteblumen und toten Tieren läuten ein Wechselbad der Gefühle ein, das durch den abwechslungsreichen Parcours begleitet.

Hier riesenhafte Kirschblütenblattobjekte mit weißem Freiraum drumherum, dort das entzückende dunkelgrüne Studienzimmer, das eng bestückt ist mit feinsten Blumenstudien im Merian-Stil neben Dobberts manipulierten „Random Flowers“ und Joos van de Plas‘ Grafiken kitschiger Vasen. Mit Beuys, Richter, Gurskys, Mapplethorpe, Piene u.a. sind große Namen vertreten – es gibt viel zu entdecken. Darunter Werke von „Blumen-Künstlerinnen“, die weibliche Klischees frech unterlaufen: z.B. Pipilotti Rists gut gelaunte Video-Akteurin, die tänzelnd mit ihrem Fackellilien-Knüppel Autofenster zertrümmert. Oder Annette Wehrmanns Blumensprengungen, Renate Bertlmanns scharfes Rosenfeld … Im letzten, verdunkelten Raum setzt Hito Steyerl einen starken Schlussakzent mit fließend mutierender Flora aus der Digitalretorte.

FLOWERS! Blumen in der Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts | bis 25.9. | Museum Ostwall im Dortmunder U | 0231 502 60 87

Autorin

Claudia Heinrich

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