Die ungeschnittene Nacht

Victoria

Die ungeschnittene Nacht

Die Filmstarts der Woche

Victoria“ ist noch nicht lange in Berlin. Die Spanierin ist Pianistin und jobbt schlecht bezahlt in einem schicken Café in Berlin-Mitte, statt ihr Geld am Klavier zu verdienen. Obwohl sie umgänglich und offen ist, hat Victoria in der Anonymität der Großstadt noch keine Freunde gefunden. Als sie nach einer einsamen Clubnacht auf ein paar Altberliner Jungs trifft, die ebenso verloren zwischen kulturellen Hipstern und New Economy durch Berlin-Mitte stolpern, gerät sie innerhalb der kommenden zwei Stunden völlig unvorbereitet in ein dramatisches Abenteuer. Das klingt eigentlich nach einer herkömmlichen Dramaturgie eines relativ gewöhnlichen Spielfilms. Doch die gesamte Backstory der titelgebenden Protagonistin wird in einer einzigen, fünfminütigen Szene abgehandelt. Es ist ein kurzer Moment der Ruhe in einem Film, der über die restlichen 140 Minuten eine ganz außergewöhnliche Dynamik und Spannung entfaltet: In 140 Minuten erzählt Regisseur Sebastian Schipper („Absolute Giganten“, „Ein Freund von mir“) von 140 Minuten einer Nacht – in Echtzeit. Sein Thriller mit Laia Costa, Frederick Lau und Franz Rogowski zählt zu den großen Favoriten der diesjährigen Deutschen Filmpreise.

Der Andalusier Rafa (Dani Rovira) ist dermaßen heimatverbunden, dass er sein Sevilla noch nie verlassen hat. Als er sich in die widerspenstige Baskin Amaia (Clara Lago) verliebt, muss er seiner Heimat den Rücken kehren, um ihr ins verhasste Baskenland zu folgen. Andalusier und Basken können einfach nicht miteinander – wenn sich dennoch zwei ineinander verlieben, sind die Probleme schon vorprogrammiert! Dank seiner wirkungsvollen Inszenierung dürfte „8 Namen für die Liebe“, dem erfolgreichsten spanischen Film aller Zeiten, vielleicht ein ähnlicher Coup wie „Willkommen bei den Sch’tis“ gelingen, bei dem der Kulturen-Clash auch außerhalb des Produktionslandes funktionierte. Emilio Martínez-Lázaro hat die zahlreichen hanebüchenen Situationen jedenfalls hervorragend in Szene gesetzt, bietet durchweg Tempo und gagreiche Situationskomik und wartet mit einem liebenswerten Darstellerensemble auf.

Frank Schauder ist Vater, Arzt, und er ist depressiv. Um die Umstände seiner Krankheit besser verstehen zu können, begibt er sich auf eine Reise in die Welt der Genetik. Und ermuntert die Regisseure Miriam Jakobs und Gerhard Schick, seine weltweite Suche in „Das dunkle Gen“ filmisch festzuhalten. Schauer trifft Genforscher und Künstler, die sich auf vielfältige Weise mit der Materie auseinandersetzen, er erweist sich dabei als reflektierter Mensch, der sein Empfinden plastisch darzustellen weiß und der Sache als Arzt mit Sachverstand begegnet. Der durchweg interessante Film liefert viele anschauliche Denkanstöße, die Hoffnung und Ängste zugleich schüren.

Für gewöhnlich hält die Justiz Opfer von Gewaltverbrechen auf Distanz zu den Tätern. Ein neuer Ansatz, die sogenannte restorative Justiz, geht alternative Wege. So tauschen sich in den USA Täter und Opfer in Gesprächskreisen aus. Eine Begegnung, die heilsam sein kann und den Tätern erst das Ausmaß ihrer Tat vor Augen führen kann. Hubertus Siegerts „Beyond Punishment“ erzählt davon und nimmt sich zweier weiterer Beispiele aus Norwegen und Deutschland an. Fälle, die aufzeigen, wie unterschiedlich und komplex sich das Leben nach Tat und Verlust gestalten kann.

Außerdem neu in den Ruhr-Kinos: Bill Pohlads Brian-Wilson-Portrait „Love & Mercy“, Colin Trevorrows neues Dinosaurier-Spektakel „Jurassic World“, Anne Fletchers Gangsterposse „Miss Bodyguard“ und, für die Jugend, Wolfgang Groos‘ Bestsellerfortsetzung „Rico, Oskar und das Herzgebreche“.

Autor

REDAKTION trailer-ruhr.de

Dieser Artikel erschien auf  www.trailer-ruhr.de, lesen Sie weitere Artikel auf www.trailer-ruhr.de/kino

0