Die Sklaven der nymphomanischen Gräfin

„Zur schönen Aussicht“, Foto: Thilo Beu

Die Sklaven der nymphomanischen Gräfin

Horváths Komödie „Zur schönen Aussicht“ in Bonn

Was könnte man hier spielen! Matthias Nebels holzvertäfeltes Hotelfoyer kommt einer Wunderkammer szenischer Möglichkeiten gleich. Drei Ebenen im verblichenen Charme der 50er und 60er Jahre: Ein Schwungtüreneingang im Hintergrund, der Empfangstresen und ein paar Tische und Stühle in der Mitte und vorne die Zugänge zu den Zimmern, eine Sitzgruppe und weitere Frühstückstische, samt Zugang zur Küche. Darüber eine auskragende Empore mit Wandmalerei. Ein Ort wie geschaffen für die türenklappende Komik einer Konversationskomödie oder eines Boulevardstücks. Regisseur Sebastian Kreyer nutzt am Theater Bonn diesen Raum allerdings eher für die Hinrichtung von Ödön von Horváths Stück „Zur schönen Aussicht“.

Die Ausgangsidee eines Refugiums verlotterter Nachkriegsexistenzen wäre durchaus treffend. Horváths Stück versammelt in einem Hotel eine Riege zwielichtigen Gesindels, an der Spitze die Kleinganoven Strasser als Hotelbesitzer, Karl als Chauffeur und Max als Kellner. Das Trio lässt sich von der in die Jahre gekommenen Gräfin Ada von Stetten aushalten, muss dafür aber wechselweise zum Beischlaf antreten. Bis die junge Christine kommt. Sie hatte vor einem Jahr eine Affäre mit Strasser, aus der ein Kind hervorgegangen ist. Christine will Strasser für sich, wird aber von den Männern verachtet – bis sie offenbart, zu einer Erbschaft gekommen zu sein.

Horváths sentimental-sarkastisches Halbweltpanorama, in dem selbst die Triebe der Allmacht des Geldes unterworfen sind, gerät in Bonn allerdings in den Mahlstrom eines grotesk-skurrilen Sperrfeuers. Mit fatalen Folgen. Kreyers Zugriff löst die Figuren aus ihrem Stückkontext und macht sie zu bizarren Avataren, die sich in immer neuen absurden Blitzlichtern selbstgenügsam exponieren. Sophie Basses Ada ist ein naiv-nymphomanisches Blaublut mit heftigem Überbiss, die den agilen Perückenfetischisten Strasser (Glenn Goltz) fest im Griff hat. Genauso wie auch das zwischen Leder- und Liftboy changierende schwule Duo Max (Sören Wunderlich) und Karl (Hajo Tuschuy). Komplettiert wird das durchgeknallte Arsenal durch Adas Bruder Emmanuel, von Daniel Breitenfelder als analwitzversaute Hypertunte gespielt und Wolfgang Rüter als postfaschistischem Sektvertreter Müller. Kreyers szenischer Pointillismus des Irrwitzes läuft der Stringenz des Konversationsstückes diametral entgegen, weil sie den dialogischen Fluss durch immer neue Einfälle zum Stillstand bringt. Verschärft wird das durch einen erfundenen und von Kreyer selbst gespielten Erzähler, der von Recherchefahrten, von Horváths Leben und Tod, von Flucht vor dem Naziterror erzählt und dazu Filmbilder des Autors, aber auch aus Disneyfilmen oder gestellte Szenen mit den Darstellern zeigt. Komödie lebt vom klugem Timing, von nichts sonst. Kreyers Inszenierung ist dagegen überfrachtet mit schrägem Szenenwitz, so dass sich die Pointen schließlich gegenseitig vernichten – wenn sie denn überhaupt komisch wären.

Mit dem Auftritt von Christine, von Lydia Stäubli als bieder faltenberockte Jungmutter gespielt, verändert sich der Ton des Abends geringfügig. Die Regie betont deren Arbeitslosigkeit („Ich wurde abgebaut“), aber auch ihre kitschselige Naivität. Die männliche Rasselbande vereint sich zur Gruppendemütigung, nur Glenn Glotz‘ Strasser mutiert allmählich zur ernsthaften Figur. Doch anstatt für Dialogtempo zu sorgen, dehnen sich die Szenen nun zum zähen Konversationsbrei. Kreyers Missgriff liegt darin, dass er dem Stück nicht vertraut und es völlig überfrachtet: Konversationskomödie, Slapstick, Tragik, Zeitgeschichte, Horváth-Bio, Vergangenheit und Gegenwart, Trash, Kitsch. Der Abend strandet schließlich in ironisch verbrämte Rührseligkeit: Während bei Horváth die sarkastisch gewordene Christine Ada als alte Frau abkanzelt und alleine abreist, inszeniert Kreyer ein Bild der Frauensolidarität: Ada verwandelt sich in eine Märchenhexe, nimmt Christine mit auf ihren Besen und beide verlassen gemeinsam das Hotel. Auf derartigen Moral-Kitsch wäre Horváth vermutlich in seinen düstersten Albträumen nicht verfallen.

„Zur schönen Aussicht“ | R: Sebastian Kreyer | 6., 27.5., 3.6. je 18 Uhr, 18., 30.5. je 19.30 Uhr | Theater Bonn | 0228 77 80 08

Autor

HANS-CHRISTOPH ZIMMERMANN

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