Die Sirene auf dem privaten Bahnhofsklo

Der Dämon heckt was aus. Wieder Kunstkacke?, Foto: Axel J. Scherer

Die Sirene auf dem privaten Bahnhofsklo

Eine Frau im Clinch mit ihrer Zeit. Lena Kitsopoulou inszeniert in Oberhausen Ibsen
– Auftritt 03/16

Hedda Gabler ist eine Sirene, die Männer anlockt, um sie zu töten. Gerade stöhnt sie sich hinter verschlossenen Türen die letzten Reste einer Seele aus dem Leib, ihren frisch gebackenen Ehemann, den kleinen Fast-Professor Jörgen Tesman (Klaus Zwick) scheint das nicht zu stören. Er wurde vom Gesang längst betört. Lena Kitsopoulou inszeniert in Oberhausen eine schrille Version des Ibsen-Klassikers, bei dem nicht nur die Klischees dieser Furie aus Langeweile hinterfragt werden, sondern auch die Seh- und Hörgewohnheiten des Publikums, von dem dann auch einige schnell das Weite suchten, in der Regel ein untrügliches Qualitätsmerkmal. Ja, diese Inszenierung ist nicht leicht zu ertragen, hin und her gerissen zwischen Amüsement und diesem „untrüglichen Kunstscheiß“, wie die Regisseurin mehrfach erklären lässt, hinter dieser surrealen Welt aus unverständlichen Wortkaskaden, einer qualmenden Fremdkörperputzmamsell und einer überaus interessanten Mischung aus Bahnhofsklo-Toilettenanlage und Villenambiente, hinter dieser Welt steckt der Dämon Hedda Gabler. Er quietscht, er schreit, er kotzt, er wimmert, er windet sich vorm Klosettdeckel und doch, für einen Exorzismus ist es längst zu spät.

Und dabei fängt alles so harmlos an. Thieß Brammer als Dienstmädchen Berte mit einer pseudokomischen Nummer, als Dauerqualmer, der Rauchalarm auslöst, der wütend faucht, wenn das Feuerzeug versagt, der sich auf Tolkiens Gollum beruft und die ersten Bühnenanweisungen des norwegischen Übervaters Henrik Johan Ibsen ausruft. Viel von dem was da steht, findet sich nicht auf seiner Bühne, also steile These: „Warum machen wir so einen Klassiker, wenn wir nicht ein einziges Mal machen, was da drin steht?“ Das ist nicht die Frage des Abends, wenn auch viele das gern glauben mögen. Jörgen Tesman erzählt ja gerade seiner Lieblingstante Juliane von der schicken langen Hochzeitsreise, von seinem Glück, eine solche Frau gefunden zu haben und von dem finanziellen Risiko, dass er für sie dafür eingegangen ist, immer unterstellt, die Kulturwissenschafts-Professur, für die er ackerte und die er sicher glaubt, auch zu bekommen. Klaus Zwick spielt ihn als kleinen Mann, fast wie eine Rühmann-Figur, dem seine Pantoffeln wichtiger sind als der Sexappeal seiner Frau, der eigentlich auch nie begreift, wie nah er am Abgrund entlang kriecht und dann doch irgendwie alles toll findet in seiner viel zu mondänen Villa.

Hysterie bestimmt das Wesen dieser norwegischen Kunstfiguren. Alles ist irgendwie auch Lüge. Sie belügen sich wissentlich, haben aber weder ihre Sprache, noch ihre Gesten unter Kontrolle. Am schlimmsten ist ihr inneres Wesen, es kehrt sich nach außen, es wimmert, es muss in Handtaschen beißen oder an anderen Körpern riechen. Dann schleppt sich Lise Wolle mit ihrem langen Fischschwanz herein, kriecht durch drei Zimmer, trinkt aus der Toilette und landet auf einem Klinikbett im hintersten Neonlicht-Winkel – hier wird ihr von Jörgen wortlos der Schwanz entfernt und richtige Beine angebracht. Ein Raum mit einer Batterie Waschbecken und Pissoirs. Dann sieht man sie lasziv über einem Sessel hängen, sie würgt sich, bis sie luftschnappend am Boden liegt: Hallo Tante Juju. Hallo Hedda Tesman. Nichts ist so normal wie diese Gesellschaft. Regisseurin Kitsopoulou hält das Tempo und die Choreo hoch, manchmal wirken die Ideen zu spaßbetont, Ibsen kurz konterkariert mit Boulevardbühnenklamauk, dann wird‘s wieder so brutal artifiziell. Marilyn Monroe nackt in der Badewanne. Hedda in der Uniform des Vaters, mit seiner Pistole. Mit ihr wird sie ihren Ex Ejlert Løvborg der unvermittelt ihren Wohlstand bedroht in den Selbstmord treiben. Ist es der ersehnte Wohlstand, der sie in diese Lage gebracht hat? Das Bild trügt. Sie ist nur eine Fiktion aus der Vergangenheit: „Ich bin eingesperrt in 1890. Mein Salon ist mein Sarg.“ Das kotzt sie an – all diese Noras und all diese Dreiecksgeschichten. Alte Männer mit Schwanzproblemen. Doch diese Dämonen sind wehrhaft. Meister Ibsen himself erschießt Hedda am Schluss in der Badewanne, hinter einem danach blutüberströmten Vorhang zu Misirlou & Surf Riders Pulp Fiction-Theme. Kein Wunder es ist eine Pistolenkugelorgie. „Ich hab gesagt: verdammt nochmal! Verdammt nochmal… verdammt!“ Genau. Super Kunstkacke.

„Hedda Gabler“ | R: Lena Kitsopoulou | Mi 9.3., Fr 11.3., Sa 19.3. 19.30 Uhr, So 17.4. 18 Uhr
Theater Oberhausen |0208 857 81 84

Autor

PETER ORTMANN

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