Die Schandmaske eines Brauchtums

Foto: Katrin Ribbe

Die Schandmaske eines Brauchtums

„Karneval“ am Theater Oberhausen

Über 100 gestapelte Fässer Bier versperren den Blick auf die vernebelte Bühne, langsam schälen sich sieben bunte Figuren aus der weißen Wand, heben Löcher in die silberne Mauer. Ein schrilles Lachen. „Alles wat mer krieje künne, nemme mir och met.“ Die Höhner schwer verzerrt mit „Viva Colonia“, bekannte Sound und Songfetzen schwirren umher. Die Jecken machen das, was Jecken immer machen – saufen und grölen. Synchron zum Song bewegen alle stockbesoffen die Münder, Polonaise, ein bisschen unlustiger Slapstick. „Wenn wir so weitermachen, laufen wir Gefahr, die Tradition von Karneval und Fastnacht kaputtzumachen“, tönte einst Annegret Kramp-Karrenbauer, als sie noch nicht AKK war, aber schon wusste, dass die rechte Flanke der CDU mit dritten Geschlechtern so ihre Probleme hatte – und mit Rassismus bekannterweise bis heute. Also ein paar fette Beats und noch’n Fass Bier. Es kann ja heiter werden in Joana Tischkaus Performance-Inszenierung ihres eigenen Playback-Musicals „Karneval“ im frisch renovierten Oberhausener Theater.

Das Theater Oberhausen
wurde im Jahre 1920 eröffnet und blickt damit auf eine mehr als hundertjährige Geschichte als Schauspielhaus zurück. Heute untersteht es der Leitung von Intendant Florian Fiedler und seinem künstlerischen Team. Foto: Ant Palmer, © Theater Oberhausen

Es wird erst einmal ruhig, nur ein weißer stiller Jeck mit Dreadlocks ist übrig geblieben vom Besäufnis. Er spiegelt jetzt Simba aus der Disney-Erzählung „Der König der Löwen“, schlüpft in die Rolle des geflohenen Löwenkindes, das seinen Weg nach dem Tod des Vaters noch finden muss und im Kreislauf auf die Roots seiner Vorfahren zurückkehrt. Eine Geschichte, die die Inszenierung bis zum Ende durchziehen wird. Die Drehbühne rotiert. Die schnöde Hinterwand einer Saalbühne mit Notausgang wird jetzt zum Aktionsradius von Prunksitzungen und Diskussionsforen über das Für und Wider kultureller Aneignung. Und nein, Jimi Hendrix ist keine Entschuldigung für Blackfacing, auch nicht Zitate aus Minstrel-Shows aus dem 19. Jahrhundert. Die dünnen Gegen-Argumente, die Entschuldigungen, hören sich im Playback wie Interviewfetzen an. Immer wieder wehen fein gehackte Schlagerzeilen in den Zuschauerraum. „Echte Fründe ston zesamme, ston zesamme su wie eine Jott un Pott.“ Schon wieder Höhner, wieder Kölle, die Kostüme (Mascha Mihoa Bischoff) zeigen sogar FC-Attitüden. Alaaf oder helau – die Mischpoke bleibt sich gleich, wohin das führt, hört man beim Ballermann-Song „Der Bass muss ficken“, auch dort sind Deutschländer eben gern unter sich und Gleichgesinnten. Ein bisschen Spaß muss eben sein.

Und da sind wir auch schon bei der Reizfigur Roberto Blanco, der die antirassistische Arbeit in Deutschland oft konterkariert. Wenn er „wunderbarer Neger“ genannt wird (CSU-Politiker Joachim Herrmann), dann sei das freundlich gemeint, sagt einst der heute fast 85-jährige. Also sind Asiaten in Lederhose auf dem Oktoberfest auch keine kulturelle Aneignung? Joana Tischkau verwirbelt Argumente, böse Statements und unsägliche Jecken-Metaphern in einen Rausch aus Kostümen und Sounds, das Lachen, ja selbst das Grinsen stockt häufig angesichts der rassistischen Infiltrationen. Als Westfale kann ich das alkoholgeschwängerte jecke Treiben eh nicht nachvollziehen, aber selbst als Nachfahre der Eingeborenen von „Trizonesien“ (Karl Berbuer, 1949) bin ich froh, wenn die Bierkistenwand wieder nach vorne gerollt wird, Simba seine Kultur wiederfindet und am Ende „Jecken raus“ auf der Mauer steht. In den frenetischen Premiere-Beifall auch für ein tolles Ensemble mischen sich einzelne Buhrufe. Karnevalisten, AfDler oder einfach nur Idioten?

Karneval | 5., 11., 12., 19.3. | Theater Oberhausen | 0208 857 81 84

Autor:

PETER ORTMANN

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