Die große Rückkehr

Unplaces, Foto: Marek Firlej

Die große Rückkehr

Bochum Total 2022

Mehr als eine halbe Million Besucher haben die Rückkehr eines der größten Innenstadtfestivals überhaupt gefeiert. Ein Rückblick, Ausblick, Einblick auf viel Vielfalt und lauter lautstarken Bands.

Eines der größten Umsonst & Draußen-Festivals Europas ist zurück! Nach zwei Jahren Pause konnte Bochum Total wieder stattfinden. Für die meisten der mehr als 500.000 Besucher schien vom 7. bis zum 10. Juli alles wie immer, doch hinter den Kulissen des Festivals und der Musikszene insgesamt ist noch lange nicht von Normalität zu sprechen. In diesem Bericht liefern wir persönliche Eindrücke von musikalischen Höhepunkten und Neuentdeckungen sowie Einblicke in das, was Musiker und Veranstalter derzeit umtreibt. Außerdem stellen wir ausführlich die künstlerische Vielfalt auf unserer trailer-bühne vor.

Der Wettergott war dem Festival wohlgesonnen, in dem Sinne, dass er den durchwachsenen Sommer an diesem Wochenende nicht verschlechterte. Oft blieb der Himmel bis in den Nachmittag wolkenverhangen, gab aber zu Konzertbeginn Regenentwarnung. Insbesondere der Freitag brachte einen angenehmen Abend, der Samstag auch tagsüber Sonnenschein. Ein kleiner Regenschauer hier und da konnte echte Fans eh nicht verschrecken, und auch die Improvisationstheatergruppe (K)Impro am Sonntag, die ohnehin zu einer undankbaren Zeit von 14 Uhr spielte, wuselte nicht nur für sich alleine über die Bühne.

Am Konzept von Bochum Total hat sich nichts geändert. Das Festival bleibt umsonst, es findet rund um das Bermuda3eck (die Kneipenmeile in der Bochumer Innenstadt) statt, und auf den vier Hauptbühnen spielt eine bunte Mischung aus Newcomern und Größen, aus Rock, Pop und im Prinzip allem anderem. Machen wir am Eröffnungstag, dem Donnerstag, einen Rundgang. Damit kriegen wir ein Gefühl davon, was uns wo erwarten wird an diesem langen, lauten Wochenende.

Florian Füntmann von Long Distance Calling, Foto: Marek Firlej

Die größte Bühne, die WDR 1Live-Bühne auf der jeweils zwei- bis dreispurigen Kreuzung von Viktoriastraße und Südring, durfte Pablo Brooks füllen. Die Songs des erst 19-jährigen Synthie-Pop-Musikers aus Düsseldorf sind tanzbar bis verträumt. Damit definiert er die 1Live-Bühne schon ganz gut.

Gehen wir den Südring entlang Richtung Hauptbahnhof, passieren wir einen ganzen Haufen Merchandise-, Essens- und Getränkestände (dasselbe übrigens auch auf der Viktoriastraße und in der Brüderstraße). Dennoch, so verriet Marcus Gloria, Chef der veranstaltenden Firma Cooltour, seien dieses Jahr 40 Prozent der Standflächen nicht vergeben worden. Das fällt dem Besucher (mir zum Beispiel) nicht direkt auf, aber wohl sicher im Veranstaltungsbudget. Doch keine Sorge: Bochum Total 2023 ist nicht in Gefahr. So viel konnte Gloria versichern.

Nach ein paar hundert Metern stoßen wir an die Ringbühne. Diese steht traditionell für Rock, Metal und Artverwandtes. Hier ging das Festival mit Xela Wie los. Hauptelement seines Schaffens ist zwar Hiphop, aber deutlich mit Punk, Rock und auch üppigen elektronischen Klängen versetzt.

Die kleinste der reinen Musikbühnen ist die Sparkassenbühne am Konrad-Adenauer-Platz (kurz KAP). Auf diesem Platz steht das ganze Jahr über eine moderne Konzertmuschel, die bei Bochum Total voll ausgenutzt wird. Hier eröffnete die Synth-Rock-Band Unplaces das Festival. Die sichtlich gutgelaunte Truppe hat eine ansehnliche Fangemeinde mitgebracht, die man teilweise am alternativen Gothic-Aussehen erkennen konnte. Unplaces sprechen eben mit ihrer teilweise von Depeche Mode inspirierten Musik eine breite Zielgruppe an. Generell hat man aber den Eindruck, dass Bochum Total für junge Punks, Metaller, Goths an Attraktivität verloren hat. In den Vorjahren hat sich viel mehr alternatives Volk in den Bochumer Straßen getummelt. Dabei bietet das Festival neben Pop auch für Subkulturen einiges. Es seien da nur Bands wie ZSK, Bloodsucking Zombies from Outer Space, The Messenger oder Any Given Day genannt, die Punkrock, Horrorpunk und Metalcore abdecken.

Deine Cousine, Foto: Marek Firlej

Was die Zahl der Besucher angeht, so überlassen die Veranstalter die Schätzung ganz der Bochumer Polizei. So komme man gar nicht erst in Versuchung, irgendwelche Angaben zu schönen, erklärt Marcus Gloria und erzählt von diesem Festival, das mal versehentlich eine Pressemeldung mit den Besucherzahlen rausgeschickt habe, noch bevor die Veranstaltung begonnen hätte. Die Polizei nennt für den Freitag also 70.000 Besucher, am Samstag schon mehr als doppelt so viele. Insgesamt sollen mehr als eine halbe Million Menschen Bochum Total an vier Tagen besucht haben. „Das ist aber eine vorsichtige Schätzung“, sagt Gloria.

Das merkt man spätestens am Samstagabend, an dem es schier unmöglich scheint, rechtzeitig von Bühne zu Bühne zu gelangen und das Gedränge bei Mambo Kurt so manche davon abhält, an seiner Heimorgelorgie teilzunehmen. Spannend ist zu beobachten, dass es tatsächlich die Musik ist, welche die Menschen anzieht. Schauen die Plätze vor den Bühnen an jedem Tag vor der ersten Band noch ziemlich verwaist aus, so füllen sie sich binnen Augenblicken nach den ersten Akkorden.

Doch wir sind noch nicht fertig mit unserem Rundgang. Zwischen 1Live-Bühne und Sparkassenbühne, kurz hinter dem Musikforum, steht quer zur Straße die trailer-bühne. Neben diversen Konzerten bietet diese Bühne auch anderen Kunstformen wie Comedy, Literatur, Theater und auch Cartoons Platz.

Andy Brings & Band, Foto: Marek Firlej

Im Detail haben wir über die Festivaltage im Einzelnen bereits online auf trailer-ruhr.de berichtet. Darum wollen wir im Folgenden nur ein paar Höhepunkte des Festivals aufzeigen.

Der Gute-Laune-Preis geht an … nein, der kann nicht an eine Person oder Band vergeben werden. Wenn eins fast alle Auftretenden bei Bochum Total vereint, dann ist es, dass sie so richtig Bock haben! Ob das nun Ina Bredehorn alias Punkrockerin Deine Cousine ist, die von der ersten bis zur letzten Sekunde keinen Augenblick stillsteht auf der Bühne oder ob das das Essener Pop-Trio Kuult ist, das spontan ein doppeltes Set spielt, weil die Band vorher ausgefallen ist – sie stehen auf das, was sie tun. Am herzlichsten, ja geradezu poetisch hat es Rocker Andy Brings nach seinem spektakulären Auftritt am Sonntag dem trailer-Magazin gegenüber ausgedrückt:

„Frag mich doch mal: ‚Andy, wie ist das, wenn man auf die Bühne kommt und so geil ist und so vollstreckt, dass Qualm aus der Ritze kommt?‘“ Und er fährt direkt fort: „Ich kann nur für mich sprechen, auf die Bühne zu gehen mit seinen Freunden – mit den Menschen, die man wirklich liebt und von deren Nähe und Gesellschaft man nicht genug haben kann – und das zu machen, woran man glaubt und von dem man weiß, dass man es kann, und von dem man weiß, dass es den Menschen Freude bereitet, das ist das schönste und geilste Gefühl auf der ganzen Welt.“

Zurückhaltender zeigten sich Long Distance Calling, die sich bewusst sind, dass ihr anspruchsvoller instrumentaler Post Rock nicht unbedingt Musik für die Massen ist. So etwas auf einem Gratisfestival zwischen Pop und Hiphop? „Das kann gut werden, es kann aber auch schlecht laufen“, sagte uns Bassist Janosch im Vorfeld. Bock hätten sie aber auf jeden Fall, setzte Bassist Jan noch schnell hinzu. Und nach dem Konzert resümiert der Schlagwerker dann: „Es hätte gut laufen können oder schlecht – es war geil!“ Tatsächlich war es bei Long Distance Calling vor der Bühne nicht so voll wie vor manch anderem Headliner (LDC bespielten den letzten Slot am Donnerstag), aber wer da war, schien vollkommen eingenommen von den kraftvollen Klangteppichen, die die Jungs aus Münster virtuos woben.

Als Beispiel für ein voll besuchtes Konzert sei hier das der Metalcore-Band Any Given Day am Samstag genannt. Was da auf und vor der Bühne abging, lässt sich nur mit brutal bezeichnen. Bevor es hier einen entsetzten Aufschrei gibt: Brutal ist in dieser Musikrichtung ein Kompliment. Ergo: Es gab musikalisch derbe auf die Fresse, und der Moshpit war hier der wohl heftigste des Festivals. So brutal ein Moshpit aussehen mag, so respektvoll gehen die Fans dabei auch miteinander um. Wer auf den Boden fällt, dem wird schnell aufgeholfen. Und warum da ein Jugendlicher mit einem Stuhl aus dem benachbarten Café in der ersten Reihe auftauchte, werden wir wohl nie erfahren. Die Securitys rissen ihm das Möbel aber schnell aus den Händen und schalten den bedröppelt dreinblickenden Knilch.

Kuult, Foto: Marek Firlej

Wundervolle positive Stimmungen erstaunlich vieler spontan Tanzwütiger entstanden bei den Auftritten von Klowdy (Freitag auf der Sparkassenbühne und Sonntag auf der trailer-bühne), El Mobileh (Freitag, trailer-bühne) und The Magic Mumble Jumble (Samstag auf der Sparkassenbühne). Sie alle drei machen Musik, die so nur selten im Radio zu hören ist und deshalb neugierig gemacht hat. Mehr als das: Hunderte von Menschen fanden sich vor den entsprechenden Bühnen ein, und es ist nicht anzunehmen, dass es sich dabei um Fans der genannten Bands handelte. Nein, diese Klänge nahmen gefangen und stellten irgendwas mit den Beinen an, so dass diese sich einfach zu bewegen begannen. Dabei ist jede der genannten Bands auf ihre Weise einzigartig. Klowdy dank ihrer kreolischen Einflüsse, der tollen Sängerin und den abgefahrenen Musikern. El Mobileh fallen dank ihrer Querflöte auf, die man seit Jethro Tull leider viel zu selten im (Folk-)Rock hört, und fesseln mit ihrer fantastischen Laune. Und The Magic Mumble Jumble bildeten auf der viel zu kleinen Bühne ein Gewusel aus Menschen und Instrumenten.

Dass das Festival nach zwei Jahren Coronapause ein Erfolg geworden ist, ist gar nicht selbstverständlich. Die Musikbranche krankt immer noch sehr. Zwar zeigten sich die BoTo-Veranstalter von den Besucherzahlen zufrieden, aber sicherlich ist noch Luft nach oben. Schlecht sieht es dagegen bei kleineren Konzerten aus. Immer wieder werden solche abgesagt, weil der Vorverkauf einfach nicht läuft. Selbst ausverkaufte Konzerte werden nur zu rund 70 Prozent besucht. Planungssicherheit haben weder Veranstalter noch Bands. Dazu steigen die Preise immens. Bochum Total hatte etwa Schwierigkeiten, freiwillige Helfer zu finden, sagte Marcus Gloria.

Eine Großveranstaltung wie Bochum Total zeigt uns, in was für einer bizarren Welt wir gerade leben. Die Menschenmassen auf dem Festival ließen Corona total vergessen. Die vielen, die es nicht vergessen haben, waren wohl gar nicht erst da. Normalität haben wir noch lange nicht wieder erreicht. Vielleicht brauchen wir gerade in solchen Zeiten solche Feste. Aber wie heißt es doch? „Weird times call for rock’n’roll“.Oder anders, mit den Worten von Captain Disko, die die Sparkassenbühne bespielt haben: „Tape an, Kopf aus“.

Autor

MAREK FIRLEJ

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