Einer, der uns die Gegenwart schenkt

Eusebius Wirdeier: Bahntrasse, 24cm, Foto: © Eusebius Wirdeier

Einer, der uns die Gegenwart schenkt

Eusebius Wirdeier pflegt die Tradition der Straßenfotografie – Kunst 06/16

Geduld ist vielleicht die hervorstechendste Eigenschaft unter den Talenten des Eusebius Wirdeier (*1950). Mit Gelassenheit warten zu können und dabei immer geistesgegenwärtig zu bleiben, das zeichnet einen Fotografen aus. Dabei arbeitet Wirdeier im Grunde nie mit einem Schnappschuss, er lässt die Realität auf sich zukommen. Zehn Jahre hat er damit zugebracht, die „Wunderkammer der Agnes Bosen“ – ein 140 Jahre altes Eisenwarengeschäft in Köln-Sülz – zu inventarisieren. Aber er dokumentierte auch die „Kölner Löcher“, also den voreiligen Abriss der Kunsthalle am Neumarkt und dreihundert Meter entfernt die Einsturzstelle des Stadtarchivs am Waidmarkt. „Aufnehmen und Festhalten“ lautet der Auftrag, den Wirdeier als Fotograf an seinem Objekt – dem Kölner Stadtkosmos – zu erledigen hat.

Hartnäckigkeit – durchaus auch im politischen Sinne – bringt jedoch erst interessante Ergebnisse hervor, wenn sich Spontaneität zu ihr gesellt. In seiner aktuellen Ausstellung „Vier Viertel“, die im plus Raum für Bilder zu sehen ist, bietet Wirdeier eine elektrisierende Bestandsaufnahme Kölner Urbanität. Die Straßenplanung der Nachkriegszeit hat das Viertel um St. Kunibert, den Eigelstein und St. Ursula in drei Teile zerschnitten. Zu ihnen gesellt sich im Blick von Eusebius Wirdeier noch die Neustadt um St. Agnes.

Auf die mächtige Agnes-Kirche schaut seine Kamera durch den Bogen der Eigelsteintorburg, dort nimmt sie das Mahnmal des Ersten Weltkriegs, eine Touristengruppe, den Obdachlosen im Tor, einen Handy-Benutzer oder die geschäftigen Fahrradfahrer in der Ferne mit ins Bild auf. Neben der pulsierenden Straßenwelt finden sich auf den Vorplätzen der Kirchen Inseln der Stille. Hier fällt ein Lichtstrahl auf die hölzerne Pietà von St. Kunibert, dort spielen die Kinder neben den mächtigen romanischen Mauern der Basilika. Während die Restauratorin in St. Ursula gerade auf dem Gerüst arbeitet, fotografiert Wirdeier die zarten Gesichtszüge der blassen Jungfrauen, deren Skulpturen flüchtig auf dem Boden abgestellt wurden.

Wirdeier liefert uns mit seinen Schwarzweiß-Aufnahmen einen ebenso menschlich warmen wie analytisch distanzierten Blick auf den Alltag unserer Epoche, so dass wir heute schon das sehen können, was uns morgen historisch anmuten wird. „Ich überliefere“, erklärt Wirdeier. „Wenn ich lange genug hinschaue, fängt die Straße auf einmal an zu sprechen. Das zu überliefern, das empfinde ich als meine Aufgabe: Ein Abbild zu schaffen von dem Alltäglichen, das uns alle prägt.“ Dieses vorbehaltlose Bekenntnis zur Realität, verleiht der Stadt eine Priese Charme, die überzeugender als tausend Karnevalslieder wirkt. Zumal sich der Künstler auf den Spuren von Chargesheimer bewegt und mitunter aus den gleichen Perspektiven die verblüffende Wandlung des Stadtkörpers zeigt.

„Eusebius Wirdeier – Vier Viertel“ | bis 9.7. | plus Raum für Bilder| Schillingstraße 14

Autor

Thomas Linden

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