„Die Gelsenkirchener werden nicht mehr gebraucht“

Gregor Sander, Foto: Thorsten Futh

„Die Gelsenkirchener werden nicht mehr gebraucht“

Gregor Sander über sein Buch „Lenin auf Schalke“

trailer: Herr Sander, Sie beklagen in Ihrem Buch: „Ich kann schreiben, was ich will. Die im Westen lesen das immer als Osten.“ Inwiefern war es Ihnen daher ein Anliegen, die Perspektive umzudrehen und sich mit der Stadt Gelsenkirchen dem „Osten im Westen“ zu widmen?

Gregor Sander: Der Osten wird seit dreißig Jahren permanent mit einem westdeutschen Blick beobachtet und beschrieben – etwa in Büchern wie Moritz von Uslars „Deutschboden“, aber auch in den überregionalen Medien. Deswegen wollte ich diese Herangehensweise umdrehen: Statt als Ostdeutscher betrachtet zu werden, wollte ich selbst betrachten. Dann bemerkte ich, dass ich das Ruhrgebiet kaum kenne – also, zumindest abseits der Fußballklischees. Vielen meiner Bekannten undFreundeergeht es genauso. Deswegen stellte ich mir die Frage: Warum weiß kaum wer etwas über das Ruhrgebiet, das für die alte Bundesrepublik so wichtig war? Gelsenkirchen galt zudem als die ärmste Stadt Deutschlands, als „Osten im Westen“, was natürlich schwierig ist. Denn dadurch wird der Osten nur als Problem wahrgenommen, da es vor allem um Arbeitslosigkeit und AfD-Wähler geht.

Zur Person: 
Gregor Sander

(geb. 1968 in Schwerin) studierte einige Semester Germanistik, Geschichte und Medizin. Seit 2004 lebt Sander als freier Autor in Berlin; von ihm erschienen unter anderem die preisgekrönten und in andere Sprachen übersetzten Romane „Abwesend“ und „Was gewesen wäre“ (2019 auch verfilmt). Foto: Thorsten Futh

In Adornos „Ästhetische Theorie“ heißt es an einer Stelle: „So wahr es ist, dass ein Jegliches in der Natur als schön kann aufgefasst werden, so wahr das Urteil, die Landschaft der Toskana sei schöner als die Umgebung von Gelsenkirchen.“ Wie sehr entspricht dieses philosophische Urteil auch ihrem literarischen Eindruck?

Das Bild, das alle von Gelsenkirchen im Kopf haben, stimmt gar nicht mehr. Es gibt zwar noch diese Überbleibsel des Bergbaus, wie Fördertürme oder Abraumhalden, aber an sich ist das alles verschwunden. Man sieht jedoch an allen Ecken, dass das Ruhrgebiet ziemlich schnell aufgebaut wurde. Da ging es nicht um Schönheit, sondern um Zweckmäßigkeit und darum, den Massen einen Wohnraum zur Verfügung zu stellen. Mittlerweile werden diese Menschen aber nicht mehr gebraucht und das ist in einer Stadt wie Gelsenkirchen sichtbar. Rund 150.000 Einwohner sind in den letzten Jahrzehnten weggezogen. Man merkt der Stadt auch die fehlenden Menschen an, was eine eigenartige Stimmung ergibt. Und schön ist es tatsächlich nicht.

Ein Kapitel ist übertitelt als Versuch, eine Mentalität zu verstehen. Zu welcher Erkenntnis kamen Sie?

Verallgemeinert gesagt, sind die Menschen im Ruhrgebiet eher zurückhaltend, zunächst schroff und erst mal ein bisschen lauernd. An einigen Stellen fehlt auch ein Selbstbewusstsein, was mich wiederum mehr an den Osten erinnerte als die hohe Arbeitslosigkeit. Wenn man alle diese genannten Hürden überklettert hat, stößt man auf Herzlichkeit. Zudem gibt es einen hohen Migrationsanteil – im Vergleich dazu gibt es in ostdeutschen Städten keine Einwanderung. Überregional wird das Ruhrgebiet als homogene, weiße Bevölkerung wahrgenommen. Doch diese Ruhrpott-Mentalität verkörpert auch der türkischstämmige Kioskbesitzer.

Eine solche Geschichte erzählen Sie auch anhand eines Kioskbesitzers, der aus Berlin nach Gelsenkirchen zurückkehrte, um den Laden seiner Eltern weiterzubetreiben.

Ja. Interessant sind die Kioske auch mit Blick auf die Armut: Die Leute gehen dahin, obwohl da vieles teurer ist als in den Discountern nebenan. Anders ist es in Berlin, wo die Menschen erst auf die Spätis ausweichen, sobald die Supermärkte geschlossen sind. In Gelsenkirchen sind die Kioske dagegen ein sozialer Treffpunkt. Da geht es um das Gespräch und das Miteinander.

Ihr Buch entspricht einer Reisereportage, die bewusst überspitzt mit einem ethnologischen Blick spielt. Ist Ihnen nun ein wenig Bange vor Lesungen im Ruhrgebiet?

Natürlich habe ich einen humorvollen Blick und eine literarische Herangehensweise gewählt. Was ich immer mache, ist, mir die Realität anzusehen, um daraus Fiktion zu machen. Für mich war das eine Möglichkeit, es nicht zu ernst werden zu lassen. Denn ich wollte natürlich nicht den Finger in die Wunde legen und den Gelsenkirchenern erklären, wie sie zu leben haben. Es gibt diesen Herkunftsstolz im Ruhrgebiet, weswegen manchen nicht gefallen könnte, was ich schrieb. Ich hoffe natürlich, wieder auf Leute zu treffen, mit denen ich ins Gespräch komme.

Gregor Sander: Lenin auf Schalke | Penguin Verlag | erschienen am 14.3. | 192 S. | 20 €

INTERVIEW:

BENJAMIN TRILLING

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