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Die eigene Haut

Vom Scheitern der Kommunikation in der Literatur – Wortwahl 04/14

Der Strand menschenleer. Keine Seele weit und breit. Das Meer ganz still, in der Morgensonne glitzernd. Der Sand knirscht leise unter den eigenen Sohlen. Losgelöst tollen die Hunde vornweg, nur noch schemenhaft im Gegenlicht zu erkennen. Die Gedanken lösen sich auf. Bis der Moment gekommen ist umzukehren. Zurück zum Dorf. Zurück zu den Menschen. Zurück zu all den Egos, die in ihrer Haut feststecken. Nicht raus können und nichts reinlassen können. Zumindest nicht richtig. Kommunikation, Gespräche, Sex, Handlungen, alles Interpretationssache, niemals zweifelsfrei, dysfunktional – dafür aber mal zartbitterer, mal bitterböser Nährstoff für die Literatur:

So hat auch bei Gregor Sander jeder sein Päckchen zu tragen, das er nicht los wird oder zumindest auf dem Großteil der Last sitzen bleibt – wie Astrid mit ihrer unerfüllten Liebe aus Jugendtagen in der DDR. Vierundvierzig, geschieden, Mutter zweier Kinder, würde sie die Geburtstagsreise mit ihrem neuen Partner nur zu gerne unbeschwert genießen. Doch unweigerlich drängt die Vergangenheit ins Spiel. Das liegt zum einen an Paul, dem Radiomoderator, der zum ersten Mal im Leben wirklich versucht, sich voll und ganz auf eine Frau einzulassen, in ihr Wesen, ihre Geschichte einzutauchen. Aber mehr noch an Astrids Vergangenheit selber, gegen die sich die Kardiologin sträubt: Nach dem Motto „Was gewesen wäre“ (Wallstein) müssen sich all ihre Beziehungen an dem Einen messen lassen. Sie kommt nicht umhin, sich ihrer Entscheidung von damals zu stellen. Dabei kann ihr keiner helfen.

Während für die am Herzen leidende Ärztin kaum Mitleid aufkommt, trifft einen das posttraumatische Schicksal von Paolo Giordanos Trupp junger Afghanistan-Kämpen umso härter. Bleibt den Soldat(inn)en während des Einsatzes noch die unreflektierte Flucht in ihre Sehnsüchte und Ersatzhandlungen, so beginnt der innere Krieg erst im Moment der Ruhe, wenn die mörderischen Erinnerungen im Bewusstsein auf ihre Unentäußerbarkeit treffen. So nah und doch so unerreichbar sind für sie nach ihrer Rückkehr Glaube, Liebe, Hoffnung, da sie schon aufgrund der Dysfunktionalität menschlicher Kommunikation kein Verständnis erwarten können, dass ihnen nur die erneute Flucht in alles, was Erlösung von der inneren Qual verspricht, bleibt – und „Der menschliche Körper“ (Rowohlt) zum Kriegsgebiet wird.

Ganz anders stellt sich hingegen das naturbedingte Verständigungsdilemma in George V. Higgins‘ allein von Dialogen getragenem Gangsterroman „Die Freunde von Eddie Coyle“ (Kustmann) dar: Seine Protagonisten sind sich der Kommunikation als Mienenfeld instinktiv bewusst, haben jegliche Sentimentalität aus ihrem Leben verbannt, beschränken sich allein auf die Weitergabe respektive Aufnahme und Verarbeitung von signifikanter Information. Doch selbst deren Wahrheitsgehalt ist nicht zu trauen, denn Eddy „Fingers“ Coyle muss in dem raffiniert gestrickten, auf das Maximum reduzierten Crime-Drama einen seiner Kumpanen verraten, um nicht selber hinter Gittern zu landen.

Eine radikale Verknappung, die Tom Wolfe im Traum nicht einfallen würde. Hinter seinen genialischen Stilexzessen und Manierismen verbirgt sich jedoch ebenfalls nichts anderes als (Null-)Kommunikation. Stilistisch wie inhaltlich ist „Back to Blood“ (Blessing) Pop Art von epischem Ausmaß, deren Subtext aber mitnichten auf eine altersstarrsinnige Verneinung einer Post Racial Society zu reduzieren ist. Ob der wegen diskriminierenden Verhaltens geschasste Latino-Cop Nestor, seine Freundin Magdalena, die mit dem societyversessenen Promipsychiater Norman durchbrennt oder der selbstgerechte Journalist John, nicht ihr Blut treibt sie zu ihren Handlungen, sondern die Hinlänglichkeit zwischenmenschlicher Kommunikation wirft sie auf ihre Hautfarbe zurück. Der Mensch mit seiner vernunftbeschwerten Kultur als Ersatznatur braucht irgendeine, noch so banale Verständnisebene. Aber das Meer sagt nix.

Autor

LARS ALBAT

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